„Er ist wieder da“ von Timur Vermes

Hitler lebt. Und das weiß er wohl am besten.
Im Jahr 2011 auf einer grünen Wiese inmitten von Berlin erwacht, findet sich der ehemalige Führer ohne Partei und ihm folgendes Volk wieder. Seine Wiederauferstehung als Wink des Schicksals verstehend, beginnt er seine „Herrschaft“ wieder aufzunehmen. So langsam findet er sich in der für ihn doch recht fremd wirkenden Welt zurecht und beginnt den medialen Aufstieg bei einem lokalen Fernsehsender, wo er nach und nach, aber ohne es zu merken, als Satiriker „Adolf Hitler“ immer bekannter wird und schließlich auch mit verschiedensten politischen Größen wie Renate Künast zusammentrifft und sein politisches Programm unterbreiten kann. Dass er das total ernst meint, versteht aber niemand.
Schließlich gibt es DEN Hitler ja nicht mehr, oder?

(Quelle: luebbe.de)

Dass Timur Vermes, 1967 in Nürnberg geboren, sich mit Geschichte auskennt, die er an der Erlanger Universität studierte, beweist er in seinem kürzlich bei Eichborn erschienen Roman Er ist wieder da, in dem er kleines geschichtliches Gedankenspiel wagt und dem Leser die Frage mitgibt: wie würden wir heute damit umgehen, falls „Adolf Hitler“ (vielleicht nicht in seiner Person selbst, denn da wäre er wirklich im Miraculix-Alter) wieder auftaucht und das deutsche Volk erneut auf seine Seite ziehen möchte. Würden wir so reagieren, wie die Menschen, die Vermes beschreibt, es nicht verstehen und darüber lachen. Oder besser: mit Hitler lachen?

Denn nichts anderes tut man in diesem Buch. Hitler ist hier keine überzeichnete Witzfigur, die, in der Badewanne sitzend und mit dem Quietcheentchen spielend, Befehle erteilt, sondern der anpassungsfähig, zielstrebig und scharf analysierend ist. Und dazu noch eine Menge Charme besitzt.
Und so betrachtet er seine, ihm noch gänzlich unbekannte, neue Umwelt mit ganz anderen Augen, als wie es heute gewohnt sind, ist dabei aber durchaus glaubhaft in seiner Argumentation und seinen Schlüssen, die er aus seinen Betrachtungen zieht. Dieserart sorgt für eine Menge Lacher, besonders am Beginn der Erzählung. So sieht sich Hitler auch mit dem modernen Fernsehprogramm konfrontiert und beim Durchsuchen der Sender stößt er unfreiwillig auch auf eine Scripted-Reality-Show:

„Rübezahl verschwand zugunsten einer dicken Frau, die ebenfalls an einem Herd stand. Hier allerdings war die Zubereitung eher nebensächlich, die Frau sagte auch nicht, was es heute zu essen gab, sondern stattdessen, dass ihr das Geld hinten und vorne nicht reichte. […] [D]ie soziale Frage war also auch in den letzten sechsundsechzig Jahren nicht gelöst worden. […] Erstaunlich allerdings war, dass sich das Fernsehen derart ausladend damit befasste – verglichen mit einem 100-Meter-Endlauf war die dicke Jammerfrau doch reichlich ereignisarm.“(S. 73 f.)

Nachdem er genug davon hat, schaltet er weiter und kommt aus der Verwunderung, welche sinnlosen Sendungen man heutzutage freiwillig konsumiert, nicht mehr heraus. Zurück bei der „dicken Jammerfrau“ stellt er fest, dass „[d]er Fernsehapparat […] offenbar mitbekommen hatte, dass ich zwischenzeitlich andere Programme betrachtet hatte, jedenfalls fasste ein Sprecher für mich das einstweilige Geschehen noch einmal zusammen. […] ‚Gut, gut‘, sagte ich laut, damit der Fernsehapparat es auch mitbekam, ‚aber so ausführlich müssen sie es nicht machen, ich bin doch nicht senil.'“ (S.76)

Es werden alltägliche Sachen, mit denen wir großgeworden sind und die für uns normal sind, kontrastiert und in neue Zusammenhänge gesteckt und bei alldem muss man den analysierenden Hitler auch durchaus recht geben. Es gab viele Punkte, in denen man sich definitiv auf die Seite des aufstrebenden Führers stellte und mit ihm über die Welt lachte. Es wird deutlich, dass die Spaßgesellschaft, wie sie heute existiert, gerade wieder empfänglich für solcherlei Worte sein kann, da sie immer auf der Suche nach Unterhaltung und Bespaßung ist – auch wenn das eigentlich gar nicht zum Lachen ist.
Dabei ist Hitler in seinem Charakter sehr greifbar und gut illustriert – manchmal fast so gut, wie gerade aus einem seiner Propagandefilmen entsprungen. Vermes geht bei der Konstruktion dieser Figur mit großem Ernst und Sachlichkeit voran und das macht Hitler sehr glaubhaft und die Erzählung somit auch ein stückweit realer, auch wenn die Figuren um Hitler herum eher blass und konturlos bleiben. Doch das ist bei solchen starken Charakteren wohl oft so.

Der Schreibstil ist sehr stringent und zum Teil auch stark an den Schreibstil Hitlers angelehnt (wer einmal in Mein Kampf lesen konnte, kann sich schon ein recht klares Bild davon machen). Immer sehr korrekt und formell in seiner Wortwahl, nie ausfallend oder flapsig, erläutert der wiederauferstandene Führer ohne Volk seine Beobachtungen und Schlussfolgerungen. Humor entsteht nicht primär durch den Schreibstil, sondern durch die skurrilen Verwirrungen in der Kommunikation. So unterhält sich Hitler am Kiosk mit einem Käufer, der, auch in der Annahme, dass Hitler eine Art Schausteller ist, ihn auf die Uniform, die er trägt, aufmerksam macht und sagt: „Das geht doch nicht.“ Als Hitler darauf entgegnet, warum dem so sei, erwidert der Mann: „Na, wegen der Verfassung“, und Hitler kommentiert das in seinen Gedanken, dass der Mann wohl Recht habe, der Zustand seiner Uniform sei wirklich nicht mehr der Beste.
Die Geschichte lässt sich recht flott lesen, man hat fast durchgängig enorme Freude daran und fühlt sich sehr gut unterhalten. Einzig in der Mitte hat die Erzählung stellenweise einen Durchhänger, an dem sie etwas schwach wirkt, aber besonders der humorige Anfang und das sehr offene Ende überzeugen.
Dabei darf man sich aber von der Geschichte auch nicht unbedingt einen allzu literarischen Tiefgang wünschen. Die Geschichte ist fast durchgängig in sich schlüssig, auch wenn man manchmal die Menschen, die mit Hitler in Kontakt treten, für arg naiv halten darf. Aber Timur versucht hier nicht, gesellschaftliche Probleme in der Tiefe zu analysieren und dafür Lösungen aufzuzeigen, er wagt einfach ein unterhaltsames Gedankenexperiment, das in dieser Art noch nicht da war.

Mir jedenfalls hat Er ist wieder da (der Titel erzeugt bei mir immer Assoziationen mit einem Kasperletheater) gut gefallen und es bescherte mir ein paar schöne Lesestunden. Außerdem – ich verliere selten ein Wort darüber – ist das Cover hier echt ein Hingucker. Schlicht und wirklich interessant konzipiert. Und der Preis des Buches ist auch eine nette Idee des Verlages: unschlagbare 19,33 Euro.

Live. Love. Be. Believe.

Eure Shaakai

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