„Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ von Jonas Jonasson

Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen. Man weiß nie, was man bekommt.

 

Auch wenn dieses Zitat nicht aus dem Buch stammt, sondern aus dem bekannten Film Forrest Gump, so könnte es durchaus auch das Motto des gerade hundert Jahre alt gewordenem Allan Karlsson sein, der just am Tage seines Geburtstages den spontanen Entschluss fasst, aus dem Fenster des Alternheims zu klettern und einfach zu verschwinden. Ohne Ziel und Vorbereitung macht sich auf eine Reise quer durch Schweden und bald ist ihm und seinen neu gewonnenen Bekannten, die auf seiner Tour kennenlernte, nicht nur die Polizei und Presse auf den Fersen, sondern auch eine bekannte Verbrecherbande, der Allan einen Koffer voller Geld gestohlen hat.
Dabei hat Allan Karlsson in seinem langen Leben bisher schon so manches erlebt: der Bau der Atombombe ist da nur ein kleines Puzzleteil.
Er, der bei Gesprächen um Politik oder Religion immer die Ohren zuklappt, saß schon mit mehreren Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika am Tisch, trank mit Stalin und Mao Tse-tung ein Schnäpschen oder rettete General Franco das Leben.
Er erkundete die verschiedensten Länder und Regionen, kam von Spanien über Amerika nach Indien, China und über einen langen Marsch durch den Himalaya in den Iran und jede noch so brenzlige Situation meistert er mit seiner unnachahmlichen Gelassenheit und Freude.

Man könnte meinen, Allan Karlsson kennt keine Angst – er handelt einfach, wie es ihm gerade richtig erscheint und lebt sein Leben nach simplen Grundsätzen. Was er braucht, das sei einfach ein Ort zum Ruhen, genug zu Essen und immer einen guten Schnaps – und dann ist er selbst in Gefangenschaft glücklich und zufrieden.
Und diese Simplizität ist vielleicht auch das Geheimnis des Erfolgs des Buches, denn so stand es mehrere Wochen dauerhaft auf Platz 1 der Spiegel Bestsellerliste Paperback (erst jetzt durch „Shades of Grey“ abgedrängt). Und auch wenn ich den Büchern der Spiegel-Bestsellerliste oftmals ob ihrer literarischen Qualitäten wenig Vertrauen entgegenbringe, so muss ich doch sagen, dass dieses Buch völlig zu Recht Platz 1 einnahm.
Die Lebensgeschichte um Allan Karlsson, der zwar nicht mit überragender Intelligenz, dafür aber mit handwerklichem Geschick gesegnet ist und zu einem famosen Sprengstoffexperten wird, ist so fantastisch in das Weltgeschehen eingeordnet und wird von Allan mit Witz und nüchterner Betrachtungsweise dem Leser kommentiert. So zum Beispiel, wenn Allan feststellen muss, wie skurril doch die Länder in den Ersten Weltkrieg „rutschten“:

Während der Junge [Allan Karlsson] die Dynamitkartons auf die Wägen lud, lauschte er den Kommentaren der Arbeiter zum Weltgeschehen. Er fragte sich immer, woher sie das alles wussten, aber vor allem wunderte er sich, wie viel Elend erwachsene Männer so anrichten konnten. Österreich erklärte Serbien den Krieg. Deutschland erklärte Russland den Krieg. Dann nahm Deutschland innerhalb eines Nachmittags Luxemburg ein, um anschließend Frankreich den Krieg zu erklären. Daraufhin erklärte Großbritannien Deutschland den Krieg, und die Deutschen reagierten, indem sie Belgien den Krieg erklärten. Da erklärte Österreich Russland den Krieg und Serbien Deutschland. (S. 36 f.)

Dabei ist es gerade diese unschuldige, fast kindliche Naivität, die Allan so liebenswert macht und ihm hilft, jegliche Situation – und sei sie noch so brenzlig – zu meistern. Während all die politisch oder religiös engagierten Menschen um ihn herum irgendwann der Tod holt, überlebt er alles. Fast ein Simplizissimus in Grimmelshausens bekanntem Werk.
Aber nicht nur bei Allan fühlt und lacht der Leser mit: auch seine Begleiter und Freunde sind herrlich gezeichnet, wenn nicht gar manchmal etwas überzeichnet, aber auch das macht den Reiz der Geschichte aus und formiert aus der bunten Truppe genau dieses Bild, was man von einem guten Schelmenroman haben darf.
So sollte man aber auch nicht allzu ernst an dich Geschichte herangehen, denn ob es alles so stimmt, was Allan uns da auftischt, darf getrost bezweifelt werden, aber dessen wird der Leser schon in der Widmung gewahr:

„Ja, aber… ist das denn auch wirklich wahr, Opa?“, fragten wir Enkel dann immer ganz hingerissen.
„Wenn ein’n man jümmers bloß de Wohrheit vertellt, dann is dat de Tid nich wert, dat je em tohört“, antwortete Großvater.“

 

Und so darf man sich hier auf eine wunderbar gut durchdachte und mit einigem Augenzwinkern erzählte Geschichte freuen, die vor Lebenslust und Erzählfreude nur so strotzt. Denn man merkt Jonasson seinen Spaß am Geschichten Entspinnen an, es wirkt liebevoll und mit Freunden erzählt. Ausschmückender, aber keinesfalls aufgeblähter Schreibstil unterstützen hier einen Großteil der Lesefreude und sorgen dafür, dass man immer gern am Leseball bleibt und eine Seite nach der anderen liest. Der Stil erzeugt wirklich die heimelige Atmosphäre, in der man als junger Mensch den aberwitzigen Schilderungen eines Großvaters, der aus seinem Leben erzählt, begierig lauscht.

Ich habe selten ein so lebensbejahendes Buch, das aber ganz ohne emotionale Plattitüden und Phrasen auskommt, gelesen. Hier wird Emotion nicht über ausgelutschte Klischees erzeugt, sondern durch das wunderbare Verständnis von Leben und Allans Umgang mit seinem eigenen.
Wenn man dieses Buch gelesen hat, sieht man die Welt ein stückweit mit anderen Augen, vielleicht sogar mit Allans Augen. Was nützt uns der ganze Streit, die Kriege, wenn doch das Gute und Einfache das ist, was den Menschen glücklich machen kann? Und man sollte das Leben immer mit einer großen Prise Humor sehen und nicht so verbissen durch dasselbige gehen…

 

Live. Love. Be. Believe.

Eure Shaakai

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