„Die Flüsse von London“ von Ben Aaronovitch

Die Engländer sind für ihr besonderes Verhältnis zu Magie und Geistern bekannt – und das nicht erst seit dem All-Age-Roman „Harry Potter“. Schon diverse Geister, wie das bedauerns- und liebenswerte Gespenst von Canterville, besiedelten die Villen und die Literatur der Insel.

Und auch in Ben Aaronovitchs neuem Roman Die Flüsse von London (OT: Rivers of London) spielen allerhand dieser magischen und fantastischen Wesen eine große Rolle, doch nicht in einem alten, ehrbaren Gutshaus oder einer viktorianischen Schule, sondern vor der Kulisse der lauten Weltmetropole Londons des 21. Jahrhunderts, ganz im Sinne klassischer Urban Fantasy.

Protagonist ist der Polizist – im Volksmund auch Bobby genannt – Peter Grant, der nach seiner Ausbildung versucht, sich im Polizeidienst emporzuarbeiten. Jedoch mehr schlecht als recht, denn seinen Vorsetzten gilt er als „zu leicht ablenkbar“, ganz anders als seine strebsame Kollegin Lesley May. Doch es gibt etwas, mit dem Peter glänzen kann: und das sind seine magischen Kräfte, mit denen er in der Lage ist, Geister sehen, unsichtbare Spuren (sogenannte Vestigia) wahrnehmen und zaubern kann. So wird er bald von Londons letzten Magier-Inspektor Thomas Nightingale unter seine Fittiche genommen und von ihm in den Zauberkünsten unterrichtet.
Doch Geister und Vampire sind nicht das einzige, womit sich der Zauberlehrling herumschlagen muss. Die beiden oberen Götter der Themse, Mama Themse und Vater Themse mit ihren Kindern, können sich nicht ausstehen und liegen im Clinch – und das ist für das hydrologische Gleichgewicht so gar nicht gut.
Und dann ist da auch noch eine Reihe seltsamer Morde, bei der unbescholtene Bürger plötzlich durchdrehen und anderen Menschen brutal niederschlagen.
Da muss sich Peter ranhalten, damit er neben all dem Stress auch noch ein ordentliches Repertoire an Zaubersprüchen und alten Sprachen lernen kann – ein Zauberer ohne Lateinkenntnisse geht gar nicht!

Aaronovitch schafft es mit diesem Roman ein stückweit die Normalität aufzubrechen und das magische Element in diese zu integrieren, indem er, ähnlich dem Konzept von „Akte X“, eine Abteilung in der Metropolitan Police etabliert, die sich mit den magischen Vorkommnissen beschäftigt, ohne dass die Umwelt davon Kenntnis erhält. Grant wird als anfänglich totaler Anti-Held in dieses Welt geworfen und muss nun sein Können beweisen. Und vor dieser Kulisse kann man seiner Entwicklung zuschauen, denn er ist keinesfalls ein Protagonist, der glattgebügelt durch die Geschichte läuft. Das macht Spaß und ist unterhaltsam und Peter Grant hat auch immer einen lockeren Spruch auf den Lippen, womit er die Situationen für sich wieder auflockert.

„Nightingale bestellte Lamm mit Limonen und ich begnügte mich mit einem Chicken Madras, das so scharf war, dass es sogar Nightingale auf der anderen Tischseite Tränen in die Augen trieb. Ich fand es ein bisschen zu mild. […] Das Motto der westafrikanischen Küche lautet, wenn das Tischtuch unter dem Essen nicht in Flammen aufgeht, war die Köchin zu geizig mit dem Pfeffer.“ (S. 311)

Gerade dieser nette, amüsante Humor motiviert einen immer wieder, weiterzulesen, denn um die dauerhafte Spannung ist es nicht gerade gut bestellt. Die Erzählung dümpelt eher so etwas vor sich hin, immer wieder werden neue, magische Kreaturen aus dem Hut gezaubert, die Handlung ist stellenweise auch etwas krude und verworren und fast könnte man meinen, in London ginge es aufgrund magischer Aktivitäten á la „Ghotbusters“ drunter und drüber. Dabei geht aber stellenweise auch sehr rasant zu und diverse Verfolgungsjagden lockern das Ganze angenehm auf und lassen den Leser mitfiebern. Außerdem erwarten einem einige gut verdeckte und überraschende Wendungen und Geschehnisse, die immer wieder für einen Schub der Geschichte sorgen.
Ein großes Manko ist allerdings manchmal die sehr bildarme Sprache, die bei Fantasy dieser Art doch enorm von Nutzen ist. Auch wenn versucht wird, die magischen Vorkommnisse und Gestalten farbig zu illustrieren, bleiben sie doch matt und diffus – wenn der Leser nicht schon vorher mit diverser Fantasy-Literatur konfrontiert war, dürfte es schwer werden, sich ein detailliertes Bild von der Szenerie zu machen.
Für mich bekam mit Fortschreiten des Romans die Geschichte auch zunehmend den Anstrich eines Computerspiels, das so unwirklich und virtuell daherkam, dass man die Wirklichkeit, das London des 21. Jahrhunderts, oftmals aus den Augen verlor. Als dann auch noch eine Art „Zeitreise“ in der Geschichte verwurstelt wurde, war der Realitätsbezug endgültig fort.
Auch in manch einer Schilderung verzettelt sich Aaronovitch in konfusen Konstruktionen, wenn er Grant bei der Durchsuchung eines Hauses beispielsweise einen „staubigen Nicht-Geruch“ (S. 161) des Wassers im Spülkasten wahrnehmen lässt. Da frage ich mich doch, was ich mir darunter vorstellen darf…

Peter Grant und auch seine Kollegin scheinen von der sehr leichtgläubigen Sorte zu sein, die jedem und allem gleich Zutrauen entgegenbringen und Grants sofortige „Begeisterung“ (sofern man das so nennen darf) zur Magie kam doch etwas überraschend und war nur bedingt glaubhaft, wenn man von seinen Charaktereigenschaften absieht. Da fragt man sich doch, ob die Londoner von sich aus für das „Magische“ prädestiniert sind.
Das alles tut aber der Sympathie, die man den Figuren aufgrund ihrer Natürlichkeit entgegenbringt, keinen Abbruch. Ihr Charakter ist ausdifferenziert und sorgt für eine Menge Spaß und auch Konflikte, die gelöst werden wollen – oder auch nicht, so wie Grant manchmal vorgeht.

Dieser Roman ist eine nette Abwechslung und sorgt für ein paar amüsante Lesestunden, es lässt sich sehr schnell durchlesen, aber er sticht auch nicht sonderlich aus der Masse der Fantasy heraus. Die Autorin Diana Gabaldon zog in ihrer (auf der Rückseite des Covers abgedruckten) Meinung den Vergleich zu Harry Potter und sagte:
„So stellt man es sich vor, wenn Harry Potter erwachsen geworden und zu den Bobbies gegangen wäre.“
Diesen Vergleich finde ich zu weithergeholt – die direkte Gegenüberstellung mit Rowlings Werk kann dieses hier nicht bestehen, dafür ist seine Geschichte zu verworren. Aber als Urban Fantasy ist „Die Flüsse von London“ trotzallem ein gelungenes Werk, dass ich jedem, der dieses Genre schätzt, empfehlen kann.

 

Live. Love. Be. Believe.

Eure Shaakai

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2 Kommentare zu “„Die Flüsse von London“ von Ben Aaronovitch

  1. Das Buch habe ich auch schon mal gelesen und war ebenso ein bisschen enttäuscht. Vielleicht lese ich es bald nochmal, denn es gibt ja noch einige Folgebände und ich finde die Cover so toll 🙂

    • Ja, das stimmt – ist nicht schon der fünfte Band dieser Reihe erschienen? Ich weiß nicht recht, ich hatte mir vom britischen Kriminalhumor mehr erwartet, mehr Inhalt und Raffinesse. Zwar sind die zahlreichen prominenten Götter und Wesen, die da herumwuseln dürfen, wirklich mit einem süßen Esprit behaftet, aber es fehlt mir doch noch ein bißchen was an der Erzählung. Aber manchmal entwickelt man ja beim zweiten oder dritten Lesen nochmals eine andere Sichtweise 🙂

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