„Mohr im Hemd oder Wie ich auszog, die Welt zu retten“ von Martin Horváth

„Mohr im Hemd“ – ja, was ist denn das? So etwas wie „Würstchen im Schlafrock“?

Die Assoziationen, die bei diesem doch recht auffälligen Titel entstehen, sind vielfältig und nicht selten doch recht skurril.
Um dem gleich vorweg zu greifen: Mohr im Hemd gibt es wirklich und es ist ein österreichisches Dessert. Daran merkt man doch gleich, dass Martin Horváth ein Österreicher ist.

Der Protagonist seiner Geschichte, genannt einfach Ali, stammt aus Afrika, ist 15 Jahre alt, spricht nach eigenen Angaben wohl 40 Sprachen fließend und hat eben gern einen Mohr im Hemden. Dabei teilt er sich mit einigen anderen Jugendlichen aus aller Herren Länder eine Etage im Wiener Asylheim und sein besonderes Interesse gilt eben diesen Menschen und ihren Geschichten. Denn Ali liebt es, in seinen Mitmenschen und ihren Gesichtern „zu lesen“ und diese Geschichten dann zu erzählen – denn Erzählen soll heilende Wirkung haben und Ali sieht sich als Retter der Menschheit. Er will derjenige sein, der Gerechtigkeit übt und die Welt zu einem besseren Platz machen möchte.
Doch vorerst muss er sich mit dem UMF – den unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen – und ihren Problemen und Geschichten auseinandersetzen, denn wöchentlich kommen neue Flüchtlinge und bitten um Aufnahme, so wie auch Flüchtlinge wieder abgeschoben werden, da sie in höchster Instanz negative Asylbescheide erhielten.
Und gegen diese Ungerechtigkeiten in Alis Augen will er vorgehen – wenn nötig auch mit Gewalt.

Der Roman des österreichischen Schriftstellers Martin Horváths „Mohr im Hemd oder Wie ich auszog, die Welt zu retten“ sticht auf alle Fälle aus der Masse heraus – und das nicht nur durch seinen, für heutige Verhältnisse, ungewohnt langen und sperrigen Titel oder seine Thematik.
Ich fand das wirklich Herausragende und Besondere an dieser Erzählung den Schreibstil. Er ist derart leichtfüßig und clownesk, dass man besonders in der ersten Hälfte des Romans oft schmunzeln muss, wenn man wieder über amüsante Wortschöpfungen und Metaphernkonstruktionen stolpert, die in diesem Zusammenhang ungewohnt sind, aber ein wunderbar amüsantes Bild generieren. Ali spricht in seiner Erzählung oftmals in einem ungewohnt geschwollenem Tonfall, fast schon arrogant, ohne wirklich so zu wirken.

„Um neun Uhr wird die Küche geputzt, deshalb gibt es nach neun kein Frühstück mehr. Ich wanke in die Küche, gieße heißes Wasser in eine Tasse, füge einen Teebeutel hinzu, streiche Erdnussbutter auf ein Brot und verzehre beides schweigend. Die meisten meiner Mitbewohner frühstücken spät, und diese Mahlzeit spielt sich üblicherweise in monastischem Schweigen ab. Meine Brüder und Schwestern, sie hängen halb tot über einem der beiden langen Tische, und nur selten durchbricht ein Wort die Stille im Refektorium: Wo ist das Zucker, Bruder, Der Zucker, Schwester, Danke Bruder, Wie spät ist es, Wahrlich, ich sage euch, es ist neun Uhr und fünf Minuten. Du bist immer Letzte, schimpft Amal, die heute Küchenputzdienst hat. Der Herr sei mit dir, Schwester, die du selbst immer die Vorletzte bist, und mit deinem Geiste und mit den Armen im Geiste.“ (S. 35)

Hier stellt man auch gleich eine weitere Besonderheit des Textes fest: fehlende Anführungszeichen. Diese Art der Erzählweise unterstreicht hier einen besonderen narrativen Charakter des Textes, in dem er dem Ganzen den Anstrich einer Wiedergabe Alis gibt, der dem Leser hier mit einem Redeschwall Einblick in seine Erlebnisse und Gedanken gibt.
Man muss auch durchaus keine Angst vor dieser Erzählweise haben – es liest sich erstaunlich flüssig und natürlich.
Bedauerlicherweise lässt besonders der humoreske Aspekt ab Mitte des Buches doch sehr stark nach, was aber zum teil auch der Entwicklung der Geschichte geschuldet ist.
Ein weiterer, bemerkenswerter Aspekt ist die Figurencharakterisierung. Anders, als man es so oft gewohnt ist, werden die Charaktere hier nur auf ihre Geschichte beschränkt. Ihr Äußeres wird in den Hintergrund gerückt und spielt für die Geschichte nur eine sehr untergeordnete Rolle. Alis Schilderungen leben von der Geschichte hinter den Menschen – von deren berührenden Schicksalen, die Ali schlussendlich dazu bringen, mit aller Macht dagegen vorgehen zu wollen und Teil dieser Erzählungen in seiner eigenen Welt zu werden.
Einzig der Erzähler Ali bleibt in dem Buch fast durchgängig nur eine geisterhafte Erscheinung, der über dem Ganzen schwebt und wären da nicht die ziemlich realen Gespräche mit den anderen Heimbewohnern könnte man fast meinen, er wäre gar nicht wirklich existent. Soviel der Leser auch über alle Jugendlichen und Erwachsenen des Heimes erfährt, so wenig gibt Ali von sich selbst preis.
Und so bleibt er auch bis zum Schluss ein undurchschaubares Geheimnis seiner Selbst.

Dabei sind die Schicksalserzählungen immer sehr traurig und emotional, doch durch den Erzählstil wird dem Schrecken ein wenig die Basis genommen, was es Ali erleichtert, diese Geschichten auch mit einer gewissen Distanz zu erzählen und diese Distanz zum Geschehen auch dem Leser zu ermöglichen, denn im Grunde ist dieses Buch ein sehr emotionales, ergreifendes und nachdenklich stimmendes Buch, das es dem Leser durch die guten Recherchen Horváths ermöglicht, sich auf mal in den unbekannten Gefilden eines solchen Asylbewerbeheims zu bewegen und das Leid und Elend der dort befindlichen Jugendlichen, die um Sicherheit und Schutz kämpfen, zu sehen.
Das ist definitiv ein Buch, das man lesen kann und das einen auch noch nach der Lektüre eine ganze Weile beschäftigt und nachdenklich stimmt. Auch lässt sich dieses Buch flüssig lesen, aber Pausen sollte man doch immer wieder einlegen, um die Geschichten, die uns Ali hier in seiner ganzen sprachlichen Vielfalt wiedergibt, ersteinmal sacken zu lassen – denn einfach nur zu puren Unterhaltung und zum In-einem-Zuge-durchlesen ist dieses Buch nicht gedacht.

 

Live. Love. Be. Believe.

Eure Shaakai

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Ein Kommentar zu “„Mohr im Hemd oder Wie ich auszog, die Welt zu retten“ von Martin Horváth

  1. Vielen Dank für diese tolle Rezension, die Lust macht, das Buch schnellstmöglichst zu lesen. 🙂 Ich habe das Glück, dass es bereits hier steht und darauf wartet, von mir aus der Klarsichtfolie befreit und in Angriff genommen zu werden.

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