„Ganz normale Helden“ von Anthony McCarten

Wieviel Realität wohnt in der der Realität? Wirklich einmal offline gehen – ist das überhaupt möglich?

Für die in London lebenden Delpes steht die Offline-Welt ganz am Anfang; oder eher am Ende ihrer familiären Beziehungen. Zerbrochen am Tod ihres Sohnes Donald hängen Jim und Renata ihren eigenen Trauergedanken nach, während sich ihr zweiter Sohn Jeff in den virtuellen Welten des Onlinespieles Life of Lore – kurz auch einfach bezeichnenderweise LoL – stürzt. Des tristen Lebens überdrüssig beschließt Jeff schließlich vom elterlichen Heim fortzulaufen und bei einem Freund unterzukommen. Voller Sorge, nun auch noch den zweiten Sohn zu verlieren, zerbricht die Welt der Delpes völlig.
Bei dem Versuch, ihren verlorenen Sohn wiederzufinden, beginnen Jim und Renata sich selbst virtuelle Leben aufzubauen. Renata chattet auf einer Plattform mit „Gott“, holt sich von ihm Lebensratschläge und Unterstützung, während Jim LoL nutzt, um seinen real verschwundenen Sohn wiederzufinden und dazu zu überreden, wieder heimzukommen. Ihr Leben droht daran zu zerbrechen, doch das heißt nicht, dass es das Ende sein muss.

Jedes Leben hat einen Anfang, eine Mitte und ein Ende – nur nicht unbedingt in dieser Reihenfolge.

Mit dieser Weisheit wird der Leser begrüßt.
Pünktlich zur Frankfurter Buchmesse und dem diesjährigen Gastland Neuseeland erschien vor Kurzem im Diogenes-Verlag Anthony McCartens neuester Roman Ganz normale Helden.
Doch wer sind diese Helden? Und wie normal sind sie wirklich?

Anders als zunächst zu erwarten, ist dieses Buch keine Streit- oder Schmähschrift gegen das Internet oder das Web 2.0. Es ist viel eher ein literarischer Versuch, diese Welten in die Realität zu integrieren und zu zeigen, dass das Eintauchen in die Virtualität nicht nur Leben zerstören kann (Stichwort „Cyberstalking“, das auch im Buch thematisiert wird), sondern auch wieder eine Familie zusammenführen kann.
Dabei liegt der erzählerische Fokus eindeutig auf dem Entwicklungsprozess der Figuren; zu zeigen, wie sie sich die, trotz realer Nähe, von sich einander abgewendeten Mitgliedern der Familie, die sich nichts mehr zu sagen haben, wieder zusammenfinden.
Dieses aufzuzeigen und eine „was wäre, wenn“-Geschichte spannend und glaubhaft weiterzuspinnen, gelingt McCarten auf eindrückliche Art. Es werden dabei immer wieder Parallelen deutlich, die das Offline- mit dem Onlineleben scheinbar verbinden: sich gegen andere behaupten müssen, darum zu kämpfen und nicht geschlagen werden, dauerhafte „Imperien“ aufzubauen und sich einen Namen machen – aufleveln.
Und vielleicht bergen gerade diese frappierenden Ähnlichkeiten die enormen Gefahren, irgendwann nicht mehr „offlinegehen“ zu können. Während Jim als Onlineselbst AGI Level um Level aufsteigt und Schlacht um Schlacht erfolgreich meistert, rutscht er im Berufs- und Familienleben zunächst immer weiter ab. Renata derweil chattet stundenlang mit einem Unbekannten, den sie in Ermangelung eines realen Namens einfach „Gott“ nennt. Anstatt mit ihrem Mann über ihre Sorgen und Probleme zu reden, holt sie sich von ihrem virtuellen Gott Seelenheil und Rat. Dabei ist das aber keineswegs immer so lächerlich, wie das im ersten Moment erscheinen mag, sondern wird zum Teil auch recht ernsthaft erörtert und die Frage aufgeworfen, ob solch ein Gespräch zu einem Unbekannten, dem man auch nicht gegenübersitzen muss, vielleicht doch bei schwierigen Lebensfragen besserer und neutraler sei.
Erst nach – oder eher durch – Jeffs Verschwinden und ihr hemmungsloses Abtauchen in die virtuellen Welten finden Renata, Jim und Jeff wieder als Familie zusammen.

Dabei ist neben dem interessanten Thema auch dessen literarisch gute Aufarbeitung erwähnenswert. Leicht und bekömmlich zu lesen, verbringt man schöne Lesestunden (bei mir waren es Lesestunden in der lauschigen Wartehalle eines Flughafens…) mit dem Buch und schnell wird man von dem eingängigen Schreibstil gefangen genommen und vergisst manchmal sogar die Welt um sich herum.
Man begleitet die recht liebenswerten und sympathisch, mit Fehlern und Makeln behafteten Charaktere auf ihrem Identitätssucheweg und belächelt so manche absurden Wesenszüge und Begebenheiten. Besonders mit den zum Ende zunehmenden schnellen Ortswechseln werden die Ähnlichkeiten zwischen ihnen, die sich so unähnlich und fremd scheinen immer offensichtlicher und amüsanter – als Leser weiß man eben oft doch mehr.

Einzig Anstoß nahm ich an einem mit Fortschreiten der Geschichte auch immer exzessiver werden Obszönismus, der für die Erzählung nicht wirklich maßgeblich zu sein schien – beziehungsweise in dieser starken Ausprägung zu übertrieben und abstoßend wirkte und der das Ende auch unbefriedigend gestaltete. Es war ein überstürzter Abschluss und ein offenes Ende, wenngleich man als Leser doch dazu angeregt wird, sich ein gutes Ende – á la Familienfreude – vorzustellen und den Delpes auch zu wünschen.

Sonst aber macht hier McCarten seinem und der Buchmesses Gastland alle Ehre und liefert hier, als Nachfolgewerk zu Superhero einen soliden Roman ab, der mit seiner Thematik und seinem erzählerischen Stil den Leser überzeugt, zum Nachdenken über Sinn und Unsinn des Internets und anderer Medien anregt und ihn auch eine gute Zeit wunderbar unterhält.

 

Live. Love. Be. Believe.

Eure Shaakai

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