„Geheime Tochter“ von Shilpi Somaya Gowda

Yashoda war drei Jahre alt, als ich ihr begegnete, in jenem Sommer meiner Collegezeit half ich als Freiwillige in einem indischen Waisenhaus aus.

So schreibt Shilpi Somaya Gowda im Epilog ihres kürzlich erschienen Debütromans Geheime Tochter und gibt uns damit Einblick in ihren Gedankengang zu der Geschichte, die schon auf der ersten Umschlagseite so euphorisch und mit diversen Presseausschnitten als mitreißenden Weltbestseller angepriesen wird.
Wollte die Autorin doch diese Beziehung zu dem jungen indischen Mädchen, das sie einst kennelernte, weiterspinnen, sie literarisch verarbeiten.

Doch wieviel steckt von der kleinen Yashowda in dem Waisenkind Asha, das, von ihrer indischen Mutter aus der Not heraus in ein Waisenhaus gegeben, von einem amerikanischen Ärztepaar adoptiert und aufgezogen wird? Und kann der Roman diese Versprechen als “’allseits begeisternde Lektüre“‘ wirklich erfüllen?

Es beginnt im Jahre 1984 mit zwei Frauen, die unterschiedlicher nicht sein könnten:
Kavita, die mit ihrem Mann Jasu in einem indischen Dorf lebt, ist hochschwanger. Kaum, dass sie ihr Mädchen auf den Armen halten kann, wird es von ihrem Mann genommen und weggebracht – denn sie brauchen kein Mädchen, sondern einen Jungen. Kavita zerbricht beinahe an dem Schmerz, den ihr der Verlust zufügt, doch bald darauf wird sie wieder schwanger. Nur von ihrer Hebamme begleitet, bringt sie erneut ein Mädchen zur Welt – und um sie zu schützen, bringt sie es nach Bombay in ein Waisenheim.
Währenddessen muss die kalifornische Ärztin Somer nach mehreren Fehlgeburten erfahren, dass sie keine Kinder bekommen kann. Sie und ihr indischer Mann Krishnan entschließen sich auf Initiative Krishnans in Indiens lebender Mutter dazu, ein Kind aus Indien zu adoptieren. Nach einem langen bürokratischen Wege adoptieren sie schließlich Kavitas Kind Usha, bzw. Asha. Zurück in Amerika beginnen sich dann die Probleme herauszukristallieren. Somer fällt es schwer, in ihre Mutterrolle zu finden, sie stellt Karriere und Träume hintenan, während ihr Mann, der aufgrund seines indischen Hintergrunds auch scheinbar eine tiefere Bindung zu Asha hat, als Chirurg Karriere macht. Je älter Asha wird, um so mehr kommt auch sie mit sich selbst und ihren Eltern in Konflikt.
Aber auch in Indien bei Kavita, Jasu und ihrem drittgeborenen Kind, dem Jungen Vijay, machen sich einige Herausforderungen bemerkbar, denn sie müssen ums Überleben kämpfen. Dabei lasten viele Probleme und Sorgen auf ihnen und besonders Kavita kann den Verlust ihrer kleinen Usha nicht verkraften.

Diese Kluft, die zwischen diesen beiden Ländern besteht, ist nicht nur geographisch begründet, sondern liegt auch den unterschiedlichen Kulturen und Traditionen und im Umgang miteinander. Gerade von der Autorin, die selbst indische Wurzeln hat, die aber in Toronto geboren und aufgewachsen ist, erwartet man hier viel, wenn sie einen Roman vorlegt, der in diesen zwei Kulturen spielt und die Differenzen und Gemeinsamkeiten aufzeigt. Gowda versucht hier, beide Welten mit viel Feingefühl zu beschreiben und in ihren Eigenarten vorzustellen und dem Leser begreiflich zu machen, aber dabei wird sie leider immer wieder recht einseitig. Während sie Indien und die Menschen dieses Landes trotz der offensichtlichen Missstände sehr schillernd und in so leuchtenden Farben wie die der unterschiedlichsten Saris beschrieb, blieb das Leben Somers und ihres Mannes doch recht grau und eintönig. Ja, es gab sogar Momente, wo mich das Gefühl beschlich, die Autorin wollte hier das amerikanische Leben um ein ganzes Stück schlechter dastehen lassen als die indische Lebensweise. Sicherlich, es wurde ein wenig kaschiert, indem immer wieder auf die aus westlicher Sicht gesehenen Missstände in Indien hingewiesen wurde, aber im Grunde kamen Somer und ihr quasi „amerikanisierter“ Mann Kris immer schlechter weg und genossen weniger Sympathie als ihre indischen Pendants. Dagegen bekam man aber auch verhältnismäßig wenig aus dem turbulenten Leben Kavitas und Jasus mit und besonders ihr Sohn Vijay wurde mehr als Nebendarsteller aufgefasst, der einfach mal seine Rolle auf der schiefen Bahn spielen durfte und dann sang- und klanglos verschwinden musste.

Durch zum Teil extrem große Zeitsprüngen fehlte dem Leser einiges an Hintergrundinformationen und es fiel schwer, dem Alterungs- und Reifeprozess der Figuren zu folgen. Man wurde hier oft vor vollendete Tatsachen gestellt und Entwicklungen der Personen nicht nachvollziehbar oder zu sprunghaft und plötzlich, wenn nicht gar etwas irrational gestaltet. Ganz besonders zum Ende legt die Geschichte ein Tempo vor, dass vieles nur noch unglaubhaft wirkt. Asha sucht ihre Eltern, die den in Bombay doch nicht gerade seltenen Namen „Merchant“ tragen und nach einer kurzen Recherchezeit entscheidet sie sich spontan für drei Familien dieses Namens und direkt bei der dritten, obwohl sie noch nicht einmal die Möglichkeit hat, mit ihren leiblichen Eltern zu sprechen, weiß sie, dass sie die Richtigen sind. Das war doch reichlich überstürzt und bekam den Beigeschmack von Nur-schnell-den-Roman-beenden. Auch Somers und Krishnas Sinneswandel kommen sehr plötzlich und das Ende ist überromantisiert und idealisiert. Ein wenig an das Ende Lessings „Nathan der Weise“ erinnernd: und es finden wieder alle zu sich, sehen ihre Fehler ein, plötzlich klappt die Familienharmonie wieder und alle haben sich lieb.
Sogar Jasu ist geläutert und sieht ein, dass die Traditionen, wie sie in Indien praktiziert werden, nicht nett und menschenfreundlich sind.

Es mag dem menschlichen Gemüte und besonders den Leserinnen, die mit diesem Roman hier eindeutig als Zielgruppe angesprochen werden, sehr gut tun, ein freudiges Ende dieser Art zu lesen, ein wenig Heile-Welt, aber es wirkt doch trotzallem ein wenig übertrieben und aufgebauscht um wirklich ernstgenommen zu werden.

Dabei hat der Roman Potential. Die Geschichte um ihre Protagonisten kreiert Spannungspunkte, Parallelen und viele Emotionen, wirft dabei auch allerlei Fragestellungen und Themenschwerpunkte in den Raum: sei es die Frage um den Wert des menschlichen Lebens, um die Suche nach der eigenen Identität, um Schuld und Sühne oder einfach nur die Frage, wie man eine Familie gut pflegt.
Es sind meist tiefgehende Fragen, die auch den Leser bewegen, die die Autorin hier mit zumeist einfachen, aber stark emotionalen Bildern zu illustrieren pflegen. Ich glaube, viele der Leser werden bei der Lektüre mehr als einmal Tränen in den Augen haben – sei es aus Freude oder aus Trauer. Aber die Fragen per se werden nur sehr oberflächlich abgehandelt – zwar gehen die im Anhang befindlichen Leserkreisanregungen noch um einiges tiefer in die Geschichte ein, aber die Erzählung selbst kann die Probleme immer nur anreißen.

Die einen mögen das gut finden und gerade dieses Themenspektrum sehr zu schätzen wissen – quasi als Diskussionsanhaltspunkte – für die anderen mag es zu flach erscheinen.

Für mich jedenfalls war nach der Lektüre klar, dass ich mich dem jubelnden Presseruf des „Weltbestsellers“ nicht anschließen kann. Dafür war es mir zu „mittelmäßig“. Schöne, entspannende Lektüre, die man sich an lauschigen Abenden einverleiben kann, über die man auch ein paar Minuten nachdenkt und die das Gemüt bewegt, aber nichts wirklich herausragendes.
Wer weiß, vielleicht fehlte mir aber auch der Zugang zu der Geschichte, das vielbeschworene Muttersein. Hat man es von Anfang an – ist quasi zur Mutter geboren? – oder wächst man da doch eher hinein? Ich weiß es nicht…

Live. Love. Be. Believe.

Eure Shaakai

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