„Das späte Geständnis des Tristan Sadler“ von John Boyne

Der Weltkrieg ist schon mitten im Gange, als sich 1916 der damals erst siebzehnjährige Tristan Sadler, von seiner Familie unbarmherzig verstoßen, freiwillig als Soldat meldet. Nach der Ausbildung in Aldershot werden er und seine 18 Kollegen sogleich ins Feld nach Frankreich geschickt um dort gegen die deutschen Truppen zu kämpfen.
Inmitten der Wirren dieses unbarmherzigen Krieges findet er in Will Bancroft einen guten Freund, der ihn die Zeit über begleitet. Doch bald schon stirbt Tristans bester und einziger Freund. Von den 19 Soldaten seines Trupps überleben schlussendlich nur zwei – und Tristan ist einer davon. Von tiefen Narben gezeichnet und mit einer schweren Last, die auf seine Seele drückt, bepackt, reist er nach Norwich, um der Schwester seines toten Kameraden die Briefe, die Will im Feld schrieb, zu überreichen und ihr zu berichten, was wirklich geschehen ist.
Doch das erweist sich als schwerer als gedacht, denn die Wahrheit über das, was wirklich geschah ist grausam…
Der irische Schriftsteller John Boyne ist schon mit mehreren, zumeist sehr zu Herzen gehenden Romanen in Erscheinung getreten, beispielsweise mit Der Junge im gestreiften Pyjama und Das Haus zur besonderen Verwendung. Für seine Werke erhielt er unteranderem auch schon den Irish Book Award für das beste Kinderbuch 2006.

Mit seinem neuen Buch Das späte Geständnis des Tristan Sadler begibt man sich auf die Spuren des jungen Tristan Sadler, der im großen Krieg versucht, sich zu beweisen. Dabei erwarten den Leser hier aber durchaus keine Memoiren eines engagierten Soldaten und Kämpfers, sondern eher die Schuldgefühle eines feigen Heldens, der mit dem Kriegstrauma seit dem Ende der Kämpfe 1918 ringt und sie schlussendlich erst in der Niederschrift und dem Gespräch mit Bancrofts Schwester erklären kann.
Feinfühlig und filigran mit einer sprachlich überzeugenden Wortwahl gelingt es Boyne die innere Zerrissenheit und den seelischen Konflikt seines Protagonisten zu illustrieren und dem Leser vor Augen zu halten. Bei der Lektüre vertieft man sich voller Freude in diese Welt, die sich hinter den Zeilen verbirgt und kann sich die Szenerien bildlich und lebhaft vorstellen. Auch die Personen werden wunderbar illustriert und mit Leben beseelt, wobei man den Fokus aber nicht nur auf den Protagonisten Tristan legt, sondern auch deutlichst zeigt, dass auch seine Anwesenheit und seine Taten das Schicksal seiner Mitmenschen beeinflusst.
Geschickt und mit einer Menge Tiefgang wird hier Einblick in die Gemütswelten der Personen gegeben und dem Leser eines immer wieder gezeigt: der Krieg zerstörte nicht nur die Leben der Soldaten, die sich unter Einsatz ihres Lebens an der Front gegen die gegnerischen Truppen wehrten und nachts nichts schlafen konnten, weil die Granaten ihnen um die Ohren pfiffen. Auch daheim, hinter den feindlichen Linien, litten so manche der Zurückgebliebenen Höllenqualen, wenn sie an ihre Verwandten dachten, die sich in Todesgefahr befanden und vielleicht nie mehr heimkommen würden – und wenn doch, so würde man sie wahrscheinlich nicht mehr erkennen.

Denn der Krieg veränderte. Er machte nicht nur aus jungen, unbedarften Männern Kämpfer, die sich auf Befehl ohne Rücksicht auf ihr eigenes Leben in das Feld stürzten; er lehrte einigen der Soldaten auch, was Frieden heißt – und was es bedeutet, für diesen sein Leben zu geben. Wohl nicht umsonst nannte Boyne sein Buch im Original The Absolutist, was soviel wie „Kriegsdienstverweigerer“ bedeutet. Tristan entzieht sich diesem Schicksal, indem er untertänig gegenüber Vorgesetzten war und nie Fragen stellte – doch das sollte sich noch als fatal herausstellen…
Das große Ganze, das am Ende der Geschichte steht, mag sich dem Leser schon recht früh offenbaren, denn man wird durch allerlei kleine Andeutungen immer wieder in die richtige Richtung gestupst. Aber auch wenn man das Gesamtbild kennen mag, die kleinen Puzzleteile, die das Bild abrunden, werden erst nach und nach offengelegt und machen die Geschichte so spannend.
Es wird, um die Spannung zu erhalten, nicht linear erzählt. Episoden zwischen Tristans Aufenthalt in Norwich und seinem Besuch mit Wills Schwester wechseln sich mit den Berichten aus dem Krieg immer wieder ab und sorgen so für eine unterhaltsame und berührende Schilderung.

Aber nicht nur das Problem von Krieg und Frieden wird angesprochen – da kann man häufig Parallelen zu Im Westen nichts Neues von Remarque ziehen – es wird auch die turbulente Umbruchszeit nach dem Großen Krieg illustriert. Eine Zeit, in der in Großbritannien und auch anderswo Frauen um ihre Rechte kämpften und sich Anti-Kriegs-Bewegungen gründeten.
Boyne gelingt es prächtig, hier dem Leser ein detailreiches Werk dieser Zeit zu präsentieren, das glaubhaft, fesselnd und sehr berührend ist.
Lobend soll hier aber auch der Übersetzer Werner Löcher-Lawrence erwähnt werden, der mit großer Sorgfalt das englische Original ins Deutsche übertrug.

Mich hat dieses Buch durchweg überzeugt, die Geschichte war realistisch und lebensnah – das Gefühl, hier einen wirklichen Schicksalsbericht zu lesen, beschlich mich mehr als einmal. Berührend, witzig, nachdenklich und traurig.
Dieses Buch ist für jedermann sehr zu empfehlen, der ein paar ruhige Stunden damit zubringen und sich von einer sanften Geschichte um Schicksal und Schuld in die Welt des Tristan Sadler mitnehmen möchte.

 

 

Live. Love. Be. Believe.
Eure Shaakai.

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