„3:46 Uhr. Ein protokollarischer Roman“ von Masì de Sol

Ein ganzer Tag im Leben Christian Mosers.

Von seinem Bewährungshelfer dazu animiert, notiert der auf Bewährung freigelassene Straftäter Christian Moser minutiös seinen Tagesablauf, liefert dabei eine Schilderung über sein Dasein, über seine Gedanken und innersten Emotionen und lässt tief in seine Seele blicken.

Dabei unterscheidet sich sein Tag nicht grundlegend von den ganzen anderen Tagen, die er verbringt, denn Moser ist kontaktscheu. So verbringt er Tag um Tag in seiner Wohnung, beobachtet die Menschen, die vor seinem Fenster auf und ab gehen, erledigt Routineaufgaben, betrachtet seinen geliebten Panzerwels und versucht, die immer wieder aufkeimende Langeweile zu verdrängen.

Kurzum: seinem tristen, öden Dasein einen Sinn zu verleihen. Und das jeden Tag auf’s Neue.

 

Diesen Roman zu kategorisieren ist zugegebenermaßen nicht einfach – im Grunde entzieht er sich einer Einordnung. Diese Erzählung ist nicht mehr oder weniger als die genaue Schilderung eines ganzen Tages eines Menschen, von dem wir nicht mehr wissen als seinen Namen. Christian Moser bleibt alle Seiten hindurch diffus und somit fällt es dem Leser auch schwer, Mosers Charakter von seinem eigenen abzugrenzen und sich selbst überlegen zu fühlen.

Im Gegenteil: man wird in Mosers Welt einbezogen, nimmt teil an seinen Gefühlen und Gedanken, die mit fortschreitender Tageszeit immer konfuser und wirrer werden.

 

Dabei gibt der Autor Masì de Sol, der schon einige Satirebändchen herausgegeben hat, seinem Debütroman mit Titel 3:46 Uhr. Ein protokollarischer Roman durch seinen Schreibstil eine sehr eigene Note, die ihn interessant und spannend macht.

Moser ist ein intelligenter, niveauvoller Mann, der viel Wert auf eine stilvolle Unterhaltung legt und mit Banalitäten nicht sonderlich viel beginnen kann. So ist auch sein Tagesprotokoll durchzogen von feinen stilistischen Nuancen und einem sehr blumigen Schreibstil, der den Leser immer wieder in seinen Bann zieht und ihn das Buch regelrecht verschlingen lassen will – wobei „verschlingen“ hier durchaus auch ein treffendes Verb für Mosers Charakterzüge wäre, ohne dem zu weit vorgreifen zu wollen.

Dabei greift Moser aber nicht nur auf den alltäglich genutzten Wortschatz zurück, sondern wühlt kräftig im Bereich der Wortneuschöpfungen und Metaphorik. So entfaltet sich dem Leser nach und nach ein wahres Blütenfeld an Wörtern, in dem er seiner Fantasie freien Lauf lassen kann.

Es wird deutlich, was Moser wirklich quält – wenn man sein Protokoll liest, wird man unweigerlich an den Panther in Rilkes berühmten Gedicht Der Panther. Im Jardin des Plantes, Paris erinnert, indem die stolze Raubkatze beschrieben wird, wie sie getrieben durch ihre Unfreiheit immer wieder in ihrem Käfig auf und ab geht. Im gewissen Sinne könnte man Moser sogar mit diesem vergleichen: auch er wenn er selbst in seiner Wohnung nicht eingesperrt wurde, schließt er sich doch selbst vor der Welt ab und nutzt den Tag nur dazu, um immer wiederkehrende Handlungen auszuführen, die seinem Leben Regelmäßigkeit verleihen.

 

Meine Sorge, – und ich denke, ich teile sie mit vielen Lesern – dass ein Roman in Protokollform, der schlicht den Tag eines Straffälligen behandelt, nicht wirklich spannend werden könnte, erweist sich hier als völlig unbegründet. Sicherlich, nähme man nur Mosers Aktivitäten, so strotzt sein Tag nicht vor Spannung. Im Gegenteil: er ist dröge und nicht wirklich erlebnisreich. Aber gerade durch diese minutiöse und pedantische Art Mosers, alles exakt zu erledigen und festzuhalten, wird eine gewisse Dynamik in den Text gebracht.

Der protokollarische Roman ist zeitlich wie auch inhaltlich sehr genau abgestimmt und es treten nur wenige Ungereimtheiten auf.

 

Aber es seien auch zarte Gemüter gewarnt. Auch wenn dieser Roman kein zweiter Ich hab die Unschuld kotzen sehen-Roman ist (über dessen literarischen Gehalt man durchaus streiten kann), so sind doch ein paar Szenen darin beschrieben, die, unterstützt durch den famosen Schreibstil, doch sehr detailliert sind und die Vorstellungskraft des Lesers stark bedienen, besonders, wenn Moser sich an seine Straftat erinnert und sie in seinem Protokoll niederschreibt.

 

Mich jedenfalls hat dieser Roman von Anfang bis Ende überzeugt, denn er übernimmt nicht den moralischen Anspruch, über Moser urteilen zu wollen (dazu ist die literarische Form eines Protokolls einfach auch zu nüchtern – gute Entscheidung des Autors) und gibt dem Leser auch nie die Möglichkeit, sich Moser überlegener zu fühlen, indem er zuviel über die Handlung oder den Protagonisten verrät.

 

Wer also wieder mal einen guten, wenngleich kurzen, aber sehr ungewöhnlichen Roman mit einem ungewöhnlichen Thema lesen möchte, der ist mit diesem Buch sehr gut bedient.

 

 

Live. Love. Be. Believe.
Eure Shaakai

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