„Die Henkerin“ von Sabine Martin

Melisande Wilhelmis ist gerade einmal 13 Jahre alt, als ihre ganze Familie während der Heimreise aus dem Esslingen des Jahres 1325 in einen Hinterhalt gerät und von dem rachsüchtigen Ottmar de Bruce und seinen Soldaten brutal ermordet wird. De Bruce, der sich so an dem Mord an seinem einzigen Sohn durch Konrad Wilhelmis, dem Vater Melisandes, rächen will, lässt keine Gnaden walten.
Wie durch ein Wunder kann Melisande aber entkommen, die vorher ihrer sterbenden Mutter das Versprechen abnimmt, nicht eher zu ruhen, als bis de Bruce tot ist.
Da sie aber noch zu jung und vor de Bruce nicht sicher ist, nimmt sie der Esslinger Henker Raimund bei sich auf, gibt ihr eine neue Identität als sein stummer Neffe Melchior und lehrt sie das Henkerhandwerk, sodass sie bald, aufgrund einer Erkrankung Raimunds, als legitimer Nachfolger der städtische Henker wird. Als sie aber einem Gefangenen zur Flucht verhilft, wird sie wieder zur Gejagten. In ihrer Reise von Esslingen über Urach nach Reutlingen nimmt sie immer wieder neue Identitäten an, um ihrem Ziel – der Rache an de Bruce – näher zu kommen und ihren häschern, die ihr auf den Fersen sind, nicht ins Netz zu gehen.

Hinter dem Autorennamen Sabine Martin versteckt sich ein Schriftstellerduo, bestehend aus Sabine Klewe, die schon durch mehrere Kriminalromane wie Schattenriss und Wintermärchen bekannt wurde und neben ihrer Schriftstellertätigkeit auch als Dozentin und Übersetzerin arbeitet, und Martin Conrath, dessen Kriminalromane auch zum Teil für das Fernsehen verfilmt wurden.

Mit dem 2012 erschienenen historischen Roman Die Henkerin legt das Autorenduo einen weiteres Werk ihrer gemeinsamen Schaffensphase vor.
Dieser Roman zieht einen von der ersten Seite an in den Bann, was besonders an der gut durchdachten Geschichte liegt. Man wohnt der Entwicklung der jungen Melisande bei, die sich von der kleinen, etwas vorlauten und hitzköpfigen Händlerstochter in eine erwachsene Frau mit Zielen und klaren Kopf entwickelt. Dabei wird sie von ihrer unbändigen Rache getrieben, aber sie lernt auch im Verlaufe des Buches, ihre Gefühle zu zügeln.
Melisande ist in ihren Charakter wunderbar beschrieben und sehr greifbar gehalten – man leidet und freut sich mit ihr, fiebert mit, wenn sie ihren Verfolgern knapp entkommen kann und glaubt ihr bei ihren Gefühlen. Sie handelt klug, aber nicht übertrieben; sie ist sich ihrer Kräfte und Schwächen durchaus bewusst und durch ihre Identitätswandlungen von dem Henker Melchior oder Schreiber Mertens in die Magd Mechthild hat sie auch immer andere Möglichkeiten.
Ihre geplanten Schritte werden dem Leser glaubhaft dargelegt und so eine schöne Handlungskette gesponnen, in der nicht nur Melisande und Ottmar de Bruce ihre Rolle zugesprochen bekommen, sondern auch viele andere Menschen um den zentralen Konflikt der beiden dargestellt werden. Im gesamten wird fast durchgängig darauf geachtet, dass jeder wichtige Schritt, den die Protagonisten unternehmen, in irgendeiner Weise verständlich erklärt wird und nichts ohne Grund geschieht.

Dabei wechselt man in kurzen Abschnitten immer wieder die Perspektive und betrachtet die Geschehnisse aus den verschiedensten Blickwinkeln. Dabei wird von den Autoren auch darauf geachtet, dass sich die Schreib- und Sprechweise auch den jeweiligen Personen, aus dessen Perspektive man gerade die Geschichte betrachtet, glaubhaft und angemessen ist, was dem Roman auch sehr interessant gestaltet.

Das Buch konnte mich lange Zeit und fast bis zum Ende ununterbrochen fesseln, da es nicht stereotyp nach Schema F, was leider oft gerade bei historischen Krimis Anwendung findet, ablief und auch einige unerwartete Gegebenheiten aufwies und so gerade Melisandes Leben interessant und vorallem lebensnah zeigte. Auch wenn der Schreibstil im Roman eher „modern“ gehalten war und gar keine Zitate aus der Zeit Eingang fanden, hatte man beim Lesen viele der Orte und Personen lebhaft vor Augen und man versetzte sich in den Roman hinein.

Ich sagte aber „bis fast zum Ende“, denn leider war das Ende doch enttäuschend. War vorher mit viel Liebe zum Detail die Reise Melisandes geschildert wurden, so kam das Ende doch ziemlich Hals über Kopf und wurde schnell abgehandelt. Der Leser kommt nicht umhin, zu denken, dass man nach nunmehr über 500 Seiten nur noch schnell fertig werden wollte, indem man ihm nun fertige Tatsachen vorsetzt, ohne näher zu erläutern, wie beispielsweise Melisande an den Henkersposten gekommen ist. Sicherlich, es bietet Potential für den Fortsetzungsband, den die Autoren schon planen, aber es passt nicht recht zum eigentlichen Stil des Romans und lässt den Leser sehr unbefriedigt und mit einigen Fragezeichen zurück. Ich selbst war auch etwas erstaunt, dass man auf ein recht plattes Ende setzte á la „Friede Freude Eierkuchen“ – aber wahrscheinlich wollte man Melisande nach ihrem beschwerlichen Leben, in dem sie viele geliebte Menschen verlor, auch mal ein Happy End gönnen.
Mich hat es aber nicht so überzeugt, was schade ist, denn der Roman kann wirklich durch die Bank überzeugen, wird nicht langweilig und entführt den Leser in eine farbenfrohe und lebhafte Welt des Mittelalters, die angereichert ist mit viel Leben.

Mir machte es sehr viel Spaß diesen Roman von Sabine Klewe und Martin Conrath zu lesen!

 

Live. Love. Be. Believe.

Eure Shaakai

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