„Nordhörn. Ein Nordseekrimi“ von Jürgen Rath

Winter 1959.

Der junge, überkorrekte Archivar Steffen Stephan wird von seinen Vorgesetzten von seiner Arbeitsstelle auf dem Festland für drei Monate auf die kleine Nordseeinsel “’Nordhörn“‘ versetzt, um dort das Archiv mal etwas auf Vordermann zu bringen.

Anfangs davon doch ziemlich genervt, stößt er schnell auf den Unmut der Inselbewohner, die dem Neuen vom Festland misstrauen, und auf diverse Ungereimtheiten, als er erfährt, dass sein Vorgänger unter ziemlich seltsamen Umständen ums Leben kam.

Als Steffen dann tiefer in den Untiefen des Inselarchivs kramt, wird rasch deutlich, dass er das lieber nicht hätte tun können, denn schnell wird auf der kleinen Insel zum Gejagten, dem man nach seinem Leben trachtet und er weiß nicht mehr, wem auf der Insel er trauen kann. Und vorallendingen warum man ihn verfolgt. Was ist das Geheimnis, das so schützenswert erscheint?

 

Nordhörn. Ein Nordseekrimi ist das schriftstellerische Krimi-Debüt des Hamburgers Jürgen Roth, der gelernter Seemann und promovierter Historiker ist.

Und sein umfangreiches Wissen teilt er gern mit dem Leser, wenn er in bildreicher Sprache von den Schiffen und der Mannschaft, die diese Riesen sicher über die Meere lenken erzählt. Man kann sich richtig gut beim Lesen auf das Schiff versetzen, das da im Sturm mit den Wellen der launischen Nordsee zu kämpfen hat. Man verfolgt gespannt die Befehle, die sich die Mannschaft hin- und herwirft und die sich für unsere Landrattenohren ungewohnt anhören, aber im Anhang ist dankenswerterweise auch ein Glossar der wichtigsten Begriffe eingefügt, die das Verständnis erleichtert.

 

Auf der Insel angekommen, wird man gleich nach und nach mit den Insulanern vertraut gemacht und durch diverse merkwürdige Begebenheit gleich dazu motiviert, zu raten, was wohl dahin steckt. Was kann in einem staubigen Inselarchiv verborgen sein, dass 21 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkrieges manche Bewohner Nordhörns noch so verunsichert, dass sie Steffen immer wieder warnen und ihm raten, seine Schnüffeleien lieber einzustellen? Da Steffen selbst lange Zeit keine Ahnung hat, was sich wirklich in den Akten versteckt und was mit seinem Vorgänger passiert ist, tappen auch die Leser im Dunkeln. Und Rath verwirrt den Leser mit Vergnügen immer wieder geschickt mit Hinweisen und Begebenheiten, die fast jeden Bewohner der Insel verdächtig erscheinen lassen.

 

Dabei kommt ihm selbstverständlich auch die wunderbar kreierte Inselstimmung zuhilfe. Auf der stürmischen Insel leben die Bewohner so abgeschieden, dass viele von ihnen die skurrilsten Marotten entwickelt haben und so auch für allerlei lustige Sachen sorgen. Der Humor wabert aber eher unterschwellig durch die Geschichte und bezieht sein Potential oft aus Situationen, die für den Leser unserer Zeit ungewohnt sind.

So wird Steffens Vermieterin nämlich ganz unruhig, als dieser im Radio Rock’n’Roll hört, und sie vermutet, dass das Radio kaputt sein könnte oder vielleicht ein ein russischer Störsender für diese grauenhaften Töne verantwortlich wäre.

 

Neben diesen amüsanten Begebenheiten wird aber auch nie der Ernst der Situation vergessen, in der sich Steffen unversehens befindet und mit Mordversuchen zu kämpfen hat. Dabei nimmt die Geschichte schnell Fahrt auf, ohne sich zu überschlagen, weshalb sie oft spannend ist, aber selten wirklichen Nervenkitzel erzeugt. Aber schließlich lautet der Untertitel auch „Ein Nordsee-Krimi“ und nicht „Ein Nordsee-Thriller“.

Man sollte sich aber keinesfalls von dem Titel trügen lassen, der den Beigeschmack diverser Almkrimis hat. Hier legt Rath einen wirklich soliden, gut durchdachten und glaubhaften Krimi vor, gepaart mit Humor, Spannung und einer gehörigen Portion alten Seemannsgarn.

Das Ende ist unerwartet und glaubhaft.

 

Durch Raths eingänglichen, bildhaften und flüssigen Schreibstil lässt sich der Krimi sehr gut und rasch lesen und erzeugt ein reich bebildertes Kopfkino. Auch die Menschen sind greifbar und auf ihre Art liebenswert, selbst wenn sie ihre Marotten haben und Steffen gegenüber sehr abweisend sind. Gerade dieser Aspekt macht aber die Geschichte auch sehr glaubhaft.

Der Roman wurde auch durch die Art aufgepeppt, zwei, scheinbar voneinander unabhängige und 21 Jahre auseinander liegende Erzählstränge, nebeneinanderzustellen – und das gelingt sehr gut und gibt dem Leser fast selbst so etwas, wie die Möglichkeit Archivar zu „spielen“ und in alte Geschehnisse eintauchen zu können.

 

Mir hat der Krimi sehr gut gefallen und ich kann ihn guten Gewissens weiterempfehlen.

 

Live. Love. Be. Believe.

Eure Shaakai

 

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