„Resteklicken“ von Moritz Meschner

Das moderne Leben ist nicht mehr real – es spielt sich nur noch im virtuellen Raum ab.
So auch das des liebeskranken Moritz Meschners, dessen Freundin Steffi ihn für einen anderen verlassen hat. Und dieses unerträgliche Leid muss mit der Welt geteilt werden.

So verbringt Moritz Stunde um Stunde in seiner dem Verfall preisgegebenen Wohnung, sammelt auf Facebook Freunde (schließlich ist die Anzahl der virtuellen Freunde proportional zu seinem gesellschaftlichen Ansehen) und stalkt Steffi oder zieht mit seinen Kumpels durch die Bars, schießt sich regelmäßig ab, um dann auf der Suche nach einer Frau zu sein, mit der es seiner Ex, dieser dummen Kuh, heimzahlen kann.

Moritz Meschner ist 1980 in der damals noch getrennten deutschen Hauptstadt geboren, arbeitet heute beim Radio und ist stolzer Besitzer eines Facebookprofils. Er soll jeden Freund annehmen, aber von den magischen 300 ist er noch weit entfernt.
Resteklicken ist sein Debütroman, in dem er die Generation der „Facebookianern“ genauer unter die Lupe nimmt.

Dabei ist sein Roman nicht gerade von erzählerischer Tiefe ergriffen – so wie auch Moritz‘ Leben, dessen Dasein sich um Katastrophen wie eine verpatzte Statusnachricht und mangelnde Kommentare oder eine langsam vermodernde Wohnung, in der auf einmal zwei Prostituierte sitzen, dreht.

Meschner zeigt dem Leser die zerütteten Gedanken und Gefühle seines Protagonisten mit einer gehörigen Portion Humor, Ironie und Sarkasmus, sodass man oftmals gar nicht mehr aus dem schallenden Lachen herauskommt. Dabei kombiniert es geschickt und gekonnt mit Facebookstatusnachrichten und diversen Likes, sowie diverser Aktualitäten und bekannter Songs, die in den Kontext eingebaut werden und immer eine enorm amüsante Wirkung erzielen.

Trotzallem ist der Roman nichts für zart besaitete Gemüter, denn Meschner kratzt auch oft und gerne an der Schmerz- und Ekelgrenze; es wird selten ein Blatt vor den Mund genommen und auch vor nichts und niemandem Halt gemacht – weder vor der Bundeskanzlerin (und wir erfahren, dass man heutzutage kein „Fan“ mehr von jemandem sein kann, man muss ihn einfach „liken“) noch vor Jesus oder Gott, den Moritz für sein Desaster verantwortlich macht und von ihm in einem Chat auf Facebook darum bittet, ihm doch Steffi wieder zurückzugeben. Gott verweigert – Gott muss eine Frau sein.

Auch wenn Meschners Debüt als irre komischer, kurzweiliger und wahnsinnig unterhaltsamer Roman daher kommt, so hält er der Gesellschaft doch deutlichst einen Spiegel vors Gesicht. Wenn wir nur fähig wären, uns darin zu erkennen, so gläsern, wie wir bereits sind.
Deutlich wird die Doppelmoral, mit der man soziale Medien, wie beispielsweise Facebook nutzt: alles, was auch nur ansatzweise der Veröffentlichung wert scheint oder für einen Menschen da draußen interessant sein könnte, wird geteilt, ganz egal ob es sich dabei um schlüpfrige Fotos der letzten Party handelt oder um die Nachricht, dass man jetzt duschen gehe.
Wenn aber ein Journalist der BILD einen Bericht über den Deppen da am anderen Ende der Leitung schreiben will, wird das als unangenehm empfunden. Man könnte ja zuviel von sich preisgeben.

Aber auch das mangelnde soziale Gewissen, dass leider, wie Moritz‘ Motivation und Selbstwertgefühl oft nackig mit einem Schirmchengetränk über die sonnenbeschienene Wiese rennt, wird angesprochen. Die Dialoge sind platt und ohne erkennbare Substanz und niemand ist da, der Moritz Probleme erkennt und wirklich ernstzunehmen scheint. Er erkennt es ja selbst nicht.
Stattdessen begibt er sich in den Alkoholrausch, ohne sich dessen wirklich bewusst zu werden und stürzt sich mit wehenden Fahnen ins Nachtgetummel, um am Morgen mit einem „Filmriss Royal“ im Bett wieder aufzuwachen. Dabei rinnt sein Leben so langsam den Bach runter, bzw. die Datenbahnen des World Wide Webs entlang, ohne dass er etwas dagegen unternimmt.

Leider verliert der Roman zum Schluss etwas an Zündungskraft und humoristischen Elementen, sondern wird eher etwas mau, aber im gesamten überzeugt das Debüt des Autors doch wirklich enorm. Die Idee ist grandios, die Umsetzung ebenso, denn es wird nie langweilig beim Lesen, und als kurzweilige Lektüre wunderbar geeignet, da es sich rasant schnell lesen lässt. Dabei ist aber die Geschichte hinter der Geschichte, die so spitzfindig in dem Humor verpackt ist, deutlich, liefert Denkanstöße und hinterlässt einen bitteren Beigeschmack.
Ich jedenfalls konnte in dem Roman vieles wiedererkennen, und sei es nur dieses süchtige Verhalten nach Facebook.

Der Droge Facebook.

Live. Love. Be. Believe.

Eure Shaakai

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