„Kalte Asche“ von Simon Beckett

Dr. David Hunter, ein forensischer Anthropologe, wird von seinem Vorgesetzten Detective Superintendent Wallace auf die abgelegene schottische Insel Runa gerufen, um eine stark verbrannte Leiche zu identifizieren und deren Todesumstände festzustellen. Da man von einem Unfall ausgeht, möchte Wallace vorerst kein Ermittlungsteam für diese Arbeit abziehen und so fährt Hunter mit dem demotivierten und immer leicht mürrischen Sergeant Fraser und dem jungen, engagierten Constable Duncan auf die Insel, um mit Brody, einem pensionierten Inspector und Finder der Leiche, die verkohlten Überreste zu untersuchen.
Als sich herausstellt, dass es ein Mord war, will Hunter schnellstmöglichst ein Ermittlungsteam auf die Insel beordern, doch dann zieht ein heftiger Sturm auf, der sie vom Festland abschneidet.
Allein auf sich gestellt, mit dem Misstrauen der eingeschworenen Inselgemeinschaft kämpfend, die nicht willens ist, bei der Untersuchung zu helfen und mit der Gewissheit, dass der Mörder immer noch auf Runa herumläuft, machen sich die vier mit ihren mageren Mitteln auf die Suche. Doch noch ehe sie überhaupt eine Spur aufnehmen können, geschieht ein weiterer Mord auf der von Sturm und Regen heimgesuchten Insel.

So beginnt eine Ermittlungsarbeit mit vielen Verdächtigten und Enthüllungen.
Kalte Asche (OT: „Written in Bone“) von dem bekannten britischen Schriftsteller Simon Beckett ist der Nachfolger des Bestsellers Die Chemie des Todes.
Schon damals ermittelte Dr. Hunter in einem kleinen Dorf, doch diesmal ist er auf Runa fast ganz auf sich allein gestellt.

Beckett inszeniert auch in diesem Roman eine dichte düstere Atmosphäre, in der jeder der Dorfbewohner, vom sympathischen und charismatischen Gönner Michael Strachan bis zum etwas brutal wirkenden Iain Kinross, verdächtig scheint und man traut nahezu jedem eine Leiche im Keller zu – wenn nicht gar zwei.
Hinweise, wer der Mörder sein könnte, werden allerdings nur spärlich gestreut und als Leser muss man sich sehr auf seine Intuition verlassen, denn Möglichkeiten, selbst zu deduzieren, wer hinter den Attentaten stecken könnte, ist fast unmöglich.

Dagegen könnte man sich nahezu in detailliertesten Landschaftsbeschreibungen der Insel verlieren und auch wenn sich das Wetter in der nasskalten Einöde nicht veränderte, so findet Beckett immer neue Wege, es zu beschreiben. Das ist schön und sorgt für ebendiese Atmosphäre, auch wenn es die Geschichte manchmal unnötig in die Länge zieht. Das macht sich besonders bis zur Mitte des Romans stark bemerkbar: man liest Seite um Seite, um sich nach 100mal Umblättern zu fragen, was denn nun großartig passiert sei.
Auch wenn der Roman als Thriller deklariert ist, so fehlt mir doch einer der elementarsten Bestandteile eines solchen: Nervenkitzel.
Es ist spannend zu lesen, man folgt Dr. Hunter gern auf seinen Ermittlungen und seinen Gedanken, die er bezüglich des Falles hat, doch das alles mutet mehr einen Kriminalroman an. Der Leser bleibt nahezu unbeteiligt, er fiebert nicht mit, voller Spannung, was ihn auf der nächsten Seite erwarten möge, sondern er beobachtet nur still.
Da können selbst eine einsame Insel, die vom „schlimmsten Sturm seit Jahren“ geschüttelt wird und auf der alle Kommunikationsmöglichkeiten ausgefallen sind, sowie noch so verschrobene Inselbewohner nicht mehr nachhelfen.

Dabei sind aber gerade die Darstellungen der Bewohner Runas mit all ihren seltsamen Marotten und Gepflogenheiten äußerst glaubhaft skizziert – das Misstrauen, dass den Fremden Hunter und Fraser entgegenschlägt, ist greifbar und realistisch, und schafft nicht selten eine angespannte Atmosphäre zwischen den Menschen auf der Insel.
Auch der Protagonist selbst, der Anthropologe David Hunter, ist eine vielschichtige Person mit verschiedensten Problemen; sei es privater (ein, oftmals polizeilicher Ermittler ohne Stress in seiner wackligen Beziehung oder diversen Schuldkomplexen ist schon fast nicht mehr denkbar) oder beruflicher Natur.
Als Wallace ihm aufgrund der Wetterkapriolen nicht wie gewünscht das Ermittlungsteam nach Runa schicken kann, wird aus dem Forensiker schnell und notgedrungen selbst ein Ermittler, der sich mit seinen medizinischen und forensischen Kenntnissen, die er damals auf der Body Farm in Tennessee erwarb, und Geschick, das er sich in anderen Ermittlungen zueigen machte, auf die Suche nach dem Mörder macht und dabei selbst in höchste Gefahren gerät.
Die medizinischen Fakten um den menschlichen Körper sind meist hochspannend und interessant – man folgt als Laie gern den Erklärungen Dr. Hunters, wenn er erläutert, welche Vorgänge sich im Körper eines Menschen abspielen, wenn er brennt. Das ist nicht immer appetitlich, aber das soll es auch nicht sein – eine faszinierend-morbiden Hauch umgibt die Wissenschaft der Forensik allemal.

Das auflösende Ende aber ist der Punkt, an dem mich die an manchen Stellen etwas durchhängende Geschichte überzeugte. Sie offenbarte eine derart vielgeschichte Struktur, dass sie fast etwas konstruiert daher kommt. Als Leser ist man von dieser Offenlegung perplex, da man vieles darin nicht erwartete. Man konnte es nicht erwarten, denn, wie gesagte, die Hinweise darauf waren mager. Aber das Ende überzeugt und der Cliffhänger ist durchaus gelungen:
Denn wie wir wissen, hat die Ermittlungsserie um Dr. David Hunter noch kein Ende gefunden.
Dieses Buch jedenfalls ist durchaus empfehlenswert, denn die Geschichte hat viel Potential, das auch genutzt wird. Einige Schwachstellen in der Erzählung und die fehlenden Thrill-Elemente werden oftmals durch medizinisch fundierte Kenntnisse und einen packenden Schreibstil wettgemacht, der einen beim Lesen hält.
Nichts für die Ewigkeit, aber für einen Abend, oder zwei, doch eine ganz nette Lektüre.

 

Live. Love. Be. Believe.

Eure Shaakai

 

 

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