„Der Hexer und die Henkerstochter“ von Oliver Pötzsch

Zum vierten Mal geht die Henkersfamilie Kuisl, die aus dem grobschlächtigen Scharfrichter Jakob Kuisl, seiner vorwitzigen und durch nichts zum Aufgeben bewegenden Tochter Magdalena und ihrem Mann, dem Bader, Simon Fronwieser, sowie deren beiden jungen, aufgeweckten Kindern Peter und Paul besteht, auf Spurensuche, um eine Reihe mysteriöser Morde und dubioser Geschäfte aufzuklären, die sich im bayrischen Wallfahrtsort des Kloster Andechs zutragen.

Das Buch habe ich im Zuge einer Leserunde auf Lovelybooks.de vom Ullstein-Verlag bekommen und möchte mich an dieser Stelle nochmals für das Rezensionsexemplar bedanken.

Kurze Inhaltsangabe

Die Henkerstochter Magdalena und ihr Mann Simon Fronwieser begeben sich im Sommer 1666 gemeinsam mit anderen Pilgern von ihrem Heimatdorf Schongau in das am Ammersee gelegene Andechs, um dort beim alljährlich abgehaltenen Dreihostienfest für die Gesundung ihrer beiden Buben zu danken.

Als plötzlich viele der Pilger an einem unbekannten Nervenfieber erkranken, wird Simon als einziger verfügbarer Bader zur Pflege der Patienten abbestellt. Zur selben Zeit sterben zwei junge Novizen auf merkwürdige Weise und der Uhrmacher Virgilius verschwindet, samt seines selbstgebauten Automaten, der menschliche Züge aufweist. Außerdem werden die Andechser Hostien gestohlen.

In den Verdacht gerät ziemlich schnell der undurchsichtige Apotheker Johannes, der als angeblicher Hexer der Weilheimer Gerichtsbarkeit übergeben wird – aber es gelingt ihm vorher noch, Magdalena zu überzeugen, dass er und ihr Vater Jakob sich noch aus dem Großen Krieg kennen, und das nur der Schongauer Henker ihm, der eigentlich Nepomuk heißt, aus der Klemme helfen kann. Überzeugt von Nepomuks Unschuld bittet die junge Henkerstochter ihren Vater nach Andechs, der auch prompt kommt. Und so beginnt das Abenteuer, dass die Familie immer tiefer in einen Sumpf aus Verrat, Lügen, Aberglauben und finsterer Machenschaften sinken lässt.

Meine Meinung

Selbst ohne die drei Vorgängerromane gelesen zu haben, fühlte ich mich in dieser Geschichte wohl und es war mir möglich, sofort den Faden aufzunehmen. Dabei half auch die wunderbare detailreiche Schilderung, die dem Roman einen fast minutiösen Charakter gab. Denn obwohl die Geschichte „nur“ den zeitlichen Rahmen von einer Woche hat, wohnt man als Leser jedem Tag bei und betrachtet die Ereignisse oftmals sogar aus mehreren Perspektiven, wobei nie zuviel preisgegeben wird und der Leser immer „bei der Stange“ gehalten und zum Mitdenken animiert wird. Dabei kommt der Erzählung auch zugute, dass viele Handlungsstränge eingebracht werden, die allesamt etwas mit den Morden oder dem Hostiendiebstahl zutun haben könnten, aber der Leser kann sich erst nicht wirklich erklären, was genau das fehlende Puzzleteil ist. Dafür haben aber fast alle Personen des Klosters eine nicht ganz lupenreine Mönchskutte.

Der eigentliche „Star“ der Erzählung ist hier nicht, wie man annehmen könnte, die aufsässige Henkerstochter Magdalena, sondern ihr brummiger Vater Jakob Kuisl, der nicht selten die einzelnen Bruchstücke, die sich ihnen nach und nach offenbaren, zu einem Bild zusammenfügt und als ältester von den ambitionierten Spürnasen oftmals einen besonnenen Rat zur Hand hat und sie auf die entscheidende Spur bringt. Dabei sorgt aber auch sein sturer Kopf und sein etwas lockeres Mundwerk für den einen oder anderen Spaß, wenn er sich wieder einmal gegen die Staatsgewalt in Form von Bütteln oder gegen den geldgierigen Schongauer Bürgermeister und dessen eingebildeten Sohn durchsetzen muss.

Hinter der harten Schale als Henker offenbart sich aber auch mehr als einmal der weiche Kern, wenn er um seine in Gefahr schwebenden Enkel oder seine Tochter kämpft und sie beschützen will.

Bei dem Roman fällt auch die wunderbare, breitgehende Charakterdiffenzierung auf, die jeder Person ein eigenes Gesicht verleiht und so die Geschichte bunt werden lässt. Besonders spannend lassen sich deshalb auch die unterschiedlichen Perspektiven lesen, mal aus der Sicht des ruppigen Henkers, mal aus der Sicht des besorgten und überarbeiteten Baders und mal aus Sicht des verängstigten, aber auch resignierendem Apothekers Nepomuk.

Pötzsch offenbart hier neben einer schönen Personencharakterisierung auch ein gut fundiertes Wissen über Bräuche und Religion der Zeit, das er geschickt einfließen lässt. So ist es spannend, dem Kampf zwischen Wissenschaft und Entdeckungsdrang gegen Religiosität und tiefsten Aberglauben beizuwohnen. Fast allen Beiteiligten ist unterbewusst klar, dass der Automat, den der Uhrmacher Virgilius konstruiert ist, nicht zum Leben erwacht sein und im Berg unterhalb des Klosters sein Unwesen treiben kann, doch der allgegenwärtzige Aberglaube an Golems schürt immer wieder die Angst vor dem „Monstrum“. Genau dieser Aberglaube kommt auch dem armen Nepomuk teuer zu stehen, wenn die Menge nahe dran ist, ihn als vermeintlichen Hexer brutal zu lynchen.

Genau solcherlei Begebenheiten und die Schilderungen des mittelalterlichen Umfeldes in Kombination mit den Mordfällen erzeugen oft eine beklemmende und spannende Atmosphäre, die angereichert durch dunkle Wälder, in denen Wölfe hausen und finstere „Höllentore“ in den Felsen und eine augenscheinlich irre, blinde Greisin, den Leser in seinen Bann zieht und ihm ein lebhaftes Bild von dieser Zeit vor dem Auge entstehen lässt.

Dabei störte mich aber etwas die mir persönlich zu freche und vorlaute Magdalena, die für ihre Zeit viel zu emanzipiert scheint. Selbstverständlich brauchen solche Romane häufig eine starke Frau, aber es ist oft unglaubwürdig, Magdalena despektierlich mit höherstehenden Persönlichkeiten reden zu sehen, ohne das ihr ernsthafte Konsequenzen drohen und Simon von seiner resoluten Frau häufig in seine Schranken verwiesen wird.

Auch die beiden „Schrazn“, wie sie oft von Jakob Kuisl betitelt werden, sind viel zu wuselig und unerzogen – ihnen wird zu viel durchgehen gelassen und weder Magdalena noch Simon greifen bei ihrer Erziehung richtig durch, was mich zum Teil eher an heute moderne Erziehungsmethoden denken lässt.

Trotz dieser kleinen Minuspunkte ist der Roman sehr gut durchdacht und spannend, sodass man meist wie gefesselt vor den Seiten sitzt und voller Spannung die Schongauer auf ihren Streifzügen begleitet und gar nicht merkt, wie Seite um Seite des historischen Romans vorbeigleitet.

Man merkt auch beim Lesen, dass Pötzsch aus dieser Gegend kommt und eine tiefe Verbundenheit mit seiner Heimat empfindet und diese Liebe spürt man beim Lesen.

Zum besseren Verständnis sind im Anhang auch noch ein kleines Glossar eingefügt, wo die wichtigsten Begriffe und Personen erläutert werden. Weiterhin werden am Anfang eine Liste alle vorkommenden Personen angegeben und eine Karte angefügt, die zur Illustration der Gebiete und des Klosters und seines Aufbaus dienen soll.

Von daher gilt für diesen historischen Roman meine Leseempfehlung!

Live. Love. Be. Believe.

Eure Shaakai

Advertisements

Schreibe einen Kommentar.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s