„Der Nachtzirkus“ von Erin Morgenstern

Der Zirkus kommt überraschend.
Genauso überraschend, wie der Nachtzirkus in die Städte kommt, genauso überraschend ist auch dieses Buch der jungen amerikanischen Autorin Erin Morgenstern.

Ich hatte mich sehr auf dieses Buch gefreut, besonders nachdem ich die kurze Leseprobe, die vom Ullstein-Verlag online gestellt wurde, gelesen hatte. Auch

wenn in dem Verlag oftmals eher einfache, gängige Belletristik veröffentlicht wird, legte ich große Hoffnungen in dieses Debüt.

 

Die Autorin

Erin Morgenstern wurde am 8. Juli 1978 in Massachusetts geboren und studierte in Northampton Bildende Kunst und Theater, wo sie 2000 graduierte.
„The Night Circus“ ist ihr erster Roman, der September 2011 beim amerikanischen Verlag Doubleday veröffentlicht wurde und dessen Übersetzungsrechte schon in über 33 Länder verkauft wurden. Aufgrund des Erfolges des Debüts ist auch schon eine Verfilmung geplant.
Neben der Schriftstellerei betätigt sich Erin Morgernstern, deren richtiger Name Erin Christiansen lautet, auch in der Malerei. So existiert beispielsweise ein Tarotdeck, dessen Motive sie entwarf und zeichnete.

Die Geschichte

Die Welt am Ende des 19. Jahrhunderts… In London treffen sich zwei Männer, um eine folgenschwere Wette einzugehen.
Zwei Magier treten in einen Wettkampf untereinander, um die Beschaffenheit der Welt und das Durchhaltevermögen und die Kraft ihrer Zöglinge zu erproben. Es wird ein magischer Kampf zwischen zwei verschiedenen Seelen werden, deren Zweck es war, den anderen erbarmungslos zu vernichten. Doch zwischen den zwei so unterschiedlichen jungen Menschen Celia und Marco wird eine tiefe Verbundenheit deutlich, die den Kampfausgang empfindlich stören kann, die Wettkampfstätte des Nachtirkus gefährdet und damit auch das Leben aller darin eingespannten Personen.

Mehr zur Geschichte zu sagen, ist fast unmöglich und wäre auch ein kleiner Frevel an der Geschichte.

Ein magisches Leseerlebnis

Den Roman in seiner Ganzheit zu beschreiben, ist durchaus nicht einfach. Man liest ihn, und hat trotzdem das Gefühl, etwas verpasst zu haben. In dem Sinne ist er wie der Nachtzirkus: man fühlt sich wie der unbedarfte Zuschauer, der voller Erwartungen den Zirkus betritt, sich durch die einzelnen Zelte bewegt, Vorstellungen beiwohnt und nach einigen Stunden das Gelände wieder verlässt – zufrieden und vergnügt, aber mit der Absicht, wiederzukommen, um Zelte zu suchen, die man vielleicht übersehen hat. Die Autorin Téa Obreht soll gesagt haben, dass der Zirkus „bis ins Kleinste ausgearbeitet und doch flirrend wie ein Traum“ sei und ich möchte ihr unumwunden in dem Punkt zustimmen.
Man liest es und hat doch gleichzeitig das Gefühl, den Zirkus greifen zu können, aber mit einem Mal ist man sich wieder nicht sicher, ob alles so wirklich existent ist.Magie spielt in diesem Roman eine immense Rolle, aber das soll keineswegs trügen. Wir finden hier keinen gewöhnlichen Fantasy-Roman vor, wie man ihn vielleicht kennt, sondern die Magie wird auf subtile Art und Weise als Bestandteil unserer bekannten Welt integriert, deren jeder fähig ist zu erlernen, aber nur wenige imstande sind, sie zu begreifen. Deshalb muss Magie als Kunststück dargestellt werden. Und das halte ich durchaus für einen brillianten Gedanken und macht nachdenklich. Wie viel der Welt begreifen wir nicht oder lassen es uns nur als raffiniert gehaltenes „Kunststückchen“ erklären?

Schön und geradezu bezaubernd war hier die dezent romantisch gehaltene Liebe zwischen Marco und Celia, denn auch wenn es dem Leser schon von vornherein deutlich sein dürfte, hegte ich Zweifel, ob die Beschreibung ihrer Romanze dem zarten, schwebenden Schreibstil gerecht werden könnte.
Aber ich muss sagen, dass Sorgen dahingehend unberechtigt sind, denn auch ihr zarte Liebe ist so leicht und locker beschrieben, wie vieles in dem Roman.

Dabei merkt man aber auch Morgensterns Liebe zu Detrailtreue und malerisch ausgearbeiteten Szenerien und es muss auch gesagt werden, dass dieses Buch Kreativität und Originalität in einem gesunden und ausgewogenen Maße in sich vereint. Man hat es hier nicht mit Fabelwesen oder einer komplett anderer Welt zu tun, sondern mit einem normalen Zirkus, in dem einfach „unnormale“ Dinge passieren.

Dabei ist der Roman aber keine Quelle unentwegter Spannung – ich möchte sogar soweit gehen, zu behaupten, dass sich Spannung, wie man sie oftmals aus anderen Büchern kennt, hier fast gar nicht zu finden ist. Dafür bietet es aber andere Aspekte, die mich am Lesen hielten und mich immer wieder erfreuten.
Da war zum einen der wunderbare, schwebende und filigrane Schreibstil, der mich in die Welt des Zirkus entführten und mich für die Zeit die Welt um mich herum vergessen ließ, sodass ich immer wieder motiviert war, weiterzulesen und zum anderen war die Geschichte in ihrer Struktur spannend genug.

Dabei wird mit verschiedenen Ebenen gearbeitet, die zum Teil auf den ersten Blick sehr losgelöst vom eigentlichen Erzählstrang sind – zum einen zeitlich, zum anderen räumlich. Da wird man als Leser selbst angesprochen und in die verschiedenen Zelte geführt, oder man lernt die unterschiedlichsten Menschen kennen, deren Schicksal immer auf die eine oder andere Weise mit dem Zirkus und den beiden Liebenden verknüpft ist.

Morgenstern gelingt es hier aber auch auf eine gelungene Art, den Leser sehr, sehr lange Zeit im Unklaren zu lassen, ohne ihn dabei aber vollends den Braten vorzuhalten, sodass man nach der Hälfte frustriert aufgeben möchte. Man taucht selbst in diese magische, verzauberte Welt ein und versucht das unsichtbare Band, das alle Menschen dieser Geschichte verbindet, herauszufinden; man leidet und freut sich mit den Protagonisten und fiebert mit.

Die Geschichte strotzt nur so vor Emotionen, aber all das wird dem Leser mehr unterschwellig vermittelt, sodass man nicht ins Kitschige oder Lächerliche abgleitet, sondern das alles seinen zauberhaften Charme behält.

Eine Besonderheit des Romans ist, wie schon anklang, der Schreibstil. Nicht nur diese Detailverliebtheit und Finesse, mit der die Autorin hier den Schauplatz beschreibt, sind erwähnenswert und machen die Erzählung zu einem genussvollen Leseerlebnis, sondern auch die ungewöhnliche Erzählzeit. So wird das Geschehen konsequent im Präsens erzählt und damit eine unnachahmliche Atmosphäre geschaffen, die anders wahrscheinlich nie diese Intensität bekommen hätte.
Der Leser ist so, wenn er sich darauf einlässt, in dem Geschehen und lässt sich mitreißen, denn man erlebt quasi alles „Jetzt“.

Langer Rede, (ich versuche es) kurzer Sinn:
Dieses Buch ist ein wunderbares, gelungenes Debüt Erin Morgensterns, in dem sie ihr Talent und auch ihr Gefühl für das Ästhetische deutlicher nicht hätte zu Papier bringen können. Wenn man, wie gesagt, sich darauf einlässt, findet man hier eine faszinierende Welt vor – einen Zirkus der Träume, dessen Tore weit offen sind, um den Leser in eine andere Welt zu entführen, die der normalen nicht unähnlich ist, aber in der eben auch Feuer neben Eis existieren kann, ohne dass eins das andere vernichtet. Man kann unterschiedlichste Menschen kennenlernen, die allesamt durch die Faszination „Nachtzirkus“ zueinanderfinden.

Ich kann dieses Buch mit gutem Gewissen empfehlen und halte es für eine der besten Neuerscheinungen der letzten Zeit.

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2 Kommentare zu “„Der Nachtzirkus“ von Erin Morgenstern

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