„Weißer Tod“ von Liza Marklund

Annika Bengtzon ist eine engagierte und zielstrebig arbeitende Journalistin bei einem der größten Tageszeitungen Schwedens. An einem kalten Novembertag will sie diversen Frauenmorden rund um Stockholm auf die Spur kommen, denn anders als ihre senationslüsternen Kollegen glaubt sie nicht an einen Serienmord. Noch während ihrer Recherchen wird sie mit der ungeheuerlichen Nachricht konfrontiert, dass ihr Mann Thomas, der sich zu der Zeit gerade mit einer EU-Delegation in Somalia befand, um sich ein Bild über die aktuelle Lage an den Grenzen zu machen, mitsamt seiner sechs Kollegen entführt worden ist.

Daraufhin schaltet sich Thomas‘ Vorsitzender, der Staatssekretär Jimmy Halenius ein, und versucht gemeinsam mit Annika ihren Mann freizubekommen, was sich als deutlich schwieriger gestaltet, als anfänglich gedacht, denn die Geiselnehmer sind politisch motiviert und stellen überzogenen Forderungen, denen Annika nicht nachkommen kann. So beginnt eine Reise vom eisigen Schweden ins brütend heiße Afrika, mit der Ungewissheit, ob es nicht schon zu spät ist. Denn die Hinrichtung der Geiseln haben schon begonnen.

 

Es gibt nun schon eine recht große Reihe um die Journalistin Annika Bengtzon – ich habe aber bis dato keinen der Vorgängerromane gelesen, von daher war das absolutes Neuland für mich. Das macht sich aber nicht weiter bemerkbar; man kann auch ohne Kenntnisse der vorigen Geschichten sehr leicht und unkompliziert in diesen Kriminalroman einsteigen.

Die Figuren von Annika, Halenius oder ihren Vorgesetzten, bzw. Kollegen bei der Zeitung sind oft plastisch und ausdifferenziert, haben ihre eigenen Charakterzüge und man nimmt als Leser häufig einen zwar nicht allzu tiefen, aber guten Einblick in ihre Gedankenwelt. Einzig Thomas bleibt flach und grau, wobei bei ihm als einziger Protagonist auch die Ich-Perspektive gewählt wurde. Man mag dies aus Gründen der eindrücklichen Schilderung seiner Lage in der Gefangenschaft verstehen, aber ich empfand nur wenig emotionaler Tiefe – weder bei den Schilderungen Thomas‘ über seine Gefangenschaft, noch bei Annikas Überlegungen, die sie über ihr Leben, ihre Beziehung zu Thomas oder die Rettungsaktion anstellte. Dazu kam auch noch, dass seine Lage in Afrika nur kurz und knapp abgehandelt wurde, wichtige Passagen seiner Situation erfuhr man dann erst wieder aus Annikas Sicht.

Oft kam es mir sehr distanziert gehalten vor, nur wenige Personen in Annikas Umfeld zeigten Verständnis für ihre Situation oder waren gar bereit, ihr Hilfe anzubieten. Dabei war jedoch eine gute Verbindung zu ihrer Arbeit bei der Zeitung gezogen und ein, meiner Ansicht nach, realistisches Bild darüber gestaltet, denn: die Nachrichtenwelt schläft nicht.

Annika muss sich entscheiden, ob sie eine gewaltige Summe Geldes ihrer Bank annimmt, um die Lösegeldforderungen zu erfüllen – und dafür soll sie alles rund um das Geiseldrama ihres Mannes, der derzeit von den Zeitungen und Blogs im Internet zur schwedischen Ikone stilisiert wird, aufzeichnen, um später daraus eine marketingwirksame Reportage zu basteln. Auch die Reporter von den Konkurrentennachrichtenblättern stellen ihr nach und versuchen Bilder oder Interviews von der „verzweifelten Frau um den entführten Thomas“ zu erhaschen. Dabei verhält sich Annika aber auch manchmal aus Sicht des Lesers sehr naiv, impulsiv und egozentrisch, was es erschwert, Mitleid mit der Reporterin zu haben. Ich jedenfalls war des öfteren geneigt, anzunehmen, dass sie sich über ihr Handeln nicht im Klaren ist und Situationen ausnutzt.

Trotz dieser Aspekte war das Buch sehr spannend und lesenswert geschrieben, denn die Verbindungen zwischen den Handlungen waren interessant und beschaulich und so konnten auch viele der Akteure gezielt und intelligent miteinander verknüpft und in einen Kontext zueinander gestellt werden, was ein gut gewebtes Personennetz aufstellte, in dem jeder seine zugewiesene Position und Aufgabe im großen Ganzen hatte.

Auch über die Arbeit bei Zeitungen, Regierungen oder im kleinen Rahmen Banken wusste die Autorin zumeist fundiertes, recherchiertes Wissen einzubringen, was die Handlung diesbezüglich sehr glaubhaft und unterhaltsam gestaltete, da dies eine gute Handlungsumwelt schuf.

Auch wenn die Handlung lange Zeit im kalten Schweden stattfindet, war doch die vergleichsweise kurze Erzählung der Geschehnisse in Afrika eindrücklich und interessant – vielleicht gerade deshalb, weil es sich Marklund nicht nehmen ließ, selbst einen Teil der Region, über die sie schrieb, zu erkunden. Weiterhin begann am Schluss auch das Tempo anzuziehen und sich die Geschehnisse fast ein wenig zu überschlagen, was es sehr spannend machte. Auch das Ende des Romans ist überzeugend und durchaus intelligent verfasst, wobei eine Fortsetzung der Reihe um die Schwedin denkbar ist, da das Ende sehr unklar ist, man einiges der Fantasie des Lesers überlässt.

Die Unterteilung des Romans in Tageskapitel finde ich sehr gelungen und eine lobenswerte Idee, denn sie bringt den Leser in die Situation, das Geschehen fast tagebuchartig (man erinnere sich daran, dass Annika, um das Geld der Zeitung zu bekommen, Aufzeichnungen über die Entführung macht) mitzuverfolgen.

Warum nun aber der Titel Weißer Tod? Selbst, nachdem ich das Buch am Ende schloss, wurde mir die Bedeutung des Titels nicht wirklich bewusst. Wenn es nur eine Paraphrasierung um die Mordserie an den Frauen war, so sehe ich hier eine unpassende Fokussierung. Da war der schwedische Originaltitel Du gamla, du fria schon passender – aber wahrscheinlich fand man dafür keine passende Entsprechung im Deutschen. Schade eigentlich.

Live. Love. Be. Believe.

Eure Shaakai

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