„Fremdling“ von Sibylle Knauss

Ein Fremder unter Fremden, das ist wohl ein Zitat aus Sibylle Knauss‘ neuestem Roman Fremdling, welches die Geschichte um das Leben eines Menschen treffend beschreibt – ein Mensch, der allein auf der Welt ist, weil es seine Rasse schon seit tausenden von Jahren nicht mehr geben sollte.
Maria, ein junge, engagierte und ehrgeizige Anthropologin und Wissenschaftlerin, sucht nach Antworten. Als sie Tim Nagel, einen Genetiker, kennenlernt, entsteht ein wahnwitziger Plan, geführt von dem Wissen um das Gen. Wissenschaftlern ist es gelungen, einzelne Genspuren des Neandertalers zu extrahieren und Tim Nagel und Maria fassen nun in einer Phase überschwänglichen Ambitionen, den Plan, diese DNA in eine Eizelle einzuführen und Maria als „Brutstation“ zu verwenden. Dabei wurde allerdings vereinbart, dass das Lebewesen – das Experiment – niemals das Licht der Welt erblicken darf. Maria, anfangs damit einverstanden, scheint bald darauf aber ihre Muttergefühle zu entdecken und flieht aus Deutschland Richtung Osten. Als sie dort ihr Kind zur Welt bringt, sind alle entsetzt über die „Hässlichkeit“ des Säuglings. So entschließt sich die junge Mutter schließlich in Kroatiens Gebirgslandschaft zu reisen, um den jungen Neandertaler dort aufziehen zu können; in der Wildnis, wie sie es wohl auch zu ihrer Zeit getan haben könnten.
Doch als Jo, wie Maria den Jungen nennt, größer wird, kommen auch die Probleme mit sich, denn er beginnt zu wildern und andere Menschen werden auf ihn aufmerksam. Und schließlich werden auch Wissenschaftler begierig auf die Ergebnisse, die sie diesem „genetischen Versuch“ entlocken könnten…

Meine Meinung

Sibylle Knauss liebt nach eigenen Angaben „große Stoffe, groß angelegte Erzählbögen, den großen Atem, den es braucht, um sie zu einem glaubwürdigen Ende zu führen“, und genau so ein Buch finden wir hier vor. Das Thema, dessen sie sich annimmt, ist fast gewaltig, es ist heikel und auch schwierig im Umgang. Es geht um Genexperimente, um die Verantwortung und die Grenzen der Wissenschaft und um Menschenwürde. Das alles regt zum Nachdenken an. Aber es setzt auch eine Erwartungshaltung des Lesers an die Geschichte und den Autor. Ich denke, dass die Autorin dem Ganzen größtenteils sehr gerecht wird und dieses schwierige Thema solide gemeistert hat.
Die größte Schwierigkeit beim Lesen bereitet einem nicht die Thematik, denn diese wurde einfach und verständlich aufbereitet, ohne zu sehr im Fachjargon verschwinden zu müssen, sondern der ungewöhnliche Schreibstil. Wörtliche Rede wird nicht als solche gekennzeichnet, sondern einfach in den Text integriert. Vor allem am Anfang ist das sehr irritierend und verwirrend beim Lesen. Aber man gewöhnt sich auch rasch daran, denn ich war selbst erstaunt, wie schnell sich der Text trotz zum Teil langer, verschachtelter Sätze und der fehlenden Anführungszeichen lesen ließ.
Durch den Schreibstil entstand bei mir aber eine fast unüberbrückbare Distanz zu den Protagonisten – einzig zu Jo konnte ich eine kleine emotionale Bindung aufbauen. Das war auch dem geschuldet, dass recht wenig der Gedankenwelt der Akteure in die Geschichte einfloss. Oft war es eine Wiedergabe der Geschehnisse – klinisch und steril, fast wie ein Forschungsbericht. Und genau bei diesem Gedanke glaube ich, dass das damit erreicht werden sollte.

Sehr kritisch wird die Profilierungssucht der Wissenschaftler dargestellt, die als zerstörerische, fast menschenverachtende Kraft ihre Auswirkungen zeigt. Oft sind sie nur an ihrem eigenen Fortkommen in der wissenschaftlichen Gesellschaft interessiert, liefern dafür andere Kollegen ans Messer oder treten die Würde ihrer „Versuchsobjekte“ mit Füßen.
Dabei wird neben der Frage nach der Verantwortung der Wissenschaft für ihre Erfindungen und Experimente auch die Frage nach den Grenzen der Forschung aufgeworfen. Wie weit darf Forschung gehen? Und welche Konsequenzen sind vertretbar? So sind sich Maria und Tim in ihrigem jugendlichen Eifer und Forschungsdrang sicher, dass es ihre Pflicht und gegebene Aufgabe sei, Grenzen zu übertreten, ohne dabei weiterzudenken.

Jo wurde, wie Maria viel zu spät erkannte, in eine Welt geworfen, in der der einzige Andere ist, in einer Welt voller Lebewesen, die ihn nicht begreifen, die ihn meiden und ihm schaden.
Maria, wie auch Tim und die anderen zwei eingeweihten Wissenschaftler hatte soweit nicht gedacht und versuchen sich dann später ihrer Verantwortung zu entziehen oder sich auf Kosten von Jo zu profilieren.
Einzig Maria wird sich ab und zu ihrer Pflichten bewusst, war aber zu inkonsequent, um Jo am Ende wirklich noch helfen zu können.
Dabei stellt man sich auch als Leser die berechtigte Frage, ob man Jo die Meschenrechte zugesteht. Er ist ein Mensch, aber es werden ihm auch tierische Eigenschaften zugesprochen. Dabei stellt Knauss am Ende aber auch eine wunderbare und lobenswerte Parallele zu den Tieren auf, in dem ein Tierversuchslabor gezeigt wird, in dem Jo sich um die Tiere kümmern sollte, und unterschwellig fragt: Haben diese Tiere nicht auch ein Recht auf ein angemessenes Leben? Sie wurden nicht gefragt, ob sie für diese grausamen Experimente herhalten wollen – so wie Jo nicht gefragt wurde, ob er, wie es im Text heißt, wiedergeborenwerden wollte.

Dabei wird mir persönlich aber häufig zu viel des neandertalischen Verhaltens auf die Gene geschoben und der Instinkt, trotz der Bemühen Marias, als „zu stark“ eingestuft. So weiß der gerade mal vierjährige Jo schon, ohne es je gelernt zu haben, wie man Werkzeuge bedient.
Auch wird der Neandertaler aber auch häufig als die „weltfreundlichere“ Gattung hingestellt, die von dem „gierigen“ und gewalttätigen Homo Sapiens ausgerottet wurde. Das halte ich für zu idealisiert und romantisch.

Da dieser Roman fast ein ganzes Leben Marias behandelt, ist es dementsprechend auch notwendig, zum Teil recht große Zeitsprünge zu unternehmen. Manchmal sind sie aber fast zu groß, überspringen mehrere Jahre und klammern sich nur an bedeutende Ereignisse im Leben des Jungen oder Marias. So bekommt man als Leser den Prozess der Wandlung (z. B. Bei Maria, die anfänglich weder kochen noch sich anderweitig selbst versorgen kann, zu einer Frau, die in einer Wildnis ohne Hilfe überleben kann) und des Erwachsenwerdens nur bedingt mit und wird schlussendlich immer lediglich vor vollendete Tatsachen gestellt. Das ist für den Leser manchmal schon etwas bedauerlich, wenn wichtige Jahre von Jos Erwachsenwerden fehlen.
Auch die Gefühle Marias kommen oft zu kurz und so war ich häufig geneigt, dass sie gegenüber ihrem Sohn gar keine richtigen „Muttergefühle“ empfindet. Diese Annahme bekam auch noch Nährboden, als sie ihn einfach im kroatischen Kloster seinem Schicksal überließ und nach Deutschland zurückkehrte.

Schlussendlich möchte ich diesem Buch, dass mich sehr hin- und hergerisssen hat, aber trotzdem noch 4 Sternlein geben, denn es bringt den Leser zum Nachdenken, ist größtenteils sehr glaubhaft und hat durchaus den großen Atem, den Knauss so an den Geschichten schätzt.

Ein paar Worte zur Autorin

Sibylle Knauss wurde 1944 in Breitenbach geboren und studierte in München und Heidelberg Anglistik, Germanistik und Theologie. Nachdem sie ein paar Jahre im Schuldienst zugebracht hatte, widmete sie sich ihren schriftstellerischen Neigungen und veröffentlichte mehrere Romane, u.a. Die Marquise de Sade und Ungebetene Gäste.
Heute arbeitet sie neben ihrem Beruf als Autorin auch als Professorin und Dozentin an der Filmwissenschaftsakademie in Ludwigsburg für das Fach „Drehbuch“.

Eckdaten zum Buch

Titel: Fremdling
Autor: Sibylle Knauss
Verlag: Hoffmann und Campe
Preis: 22,99 Euro
Seitenanzahl: 384 Seiten
ISBN: 978-455-40358-9

 

Live. Love. Be. Believe.

Eure Shaakai

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