„Everlasting – Der Mann, der aus der Zeit fiel“ von Holly-Jane Rahlens

Vor einigen Tagen erhielt ich mein lang ersehntes Exemplar des neuen Buches von Rahlens mit dem schönen Titel Everlasting – Der Mann, der aus der Zeit fiel und da es sich schnell lesen lies, folgt hier stante pede mein Leseeindruck.

 

Stell dir vor, du verliebst dich.
Stell dir vor, sie erwidert deine Liebe.
Aber in deiner Welt gibt es keine Liebe.
Und auch kein Ich.

Wie sagst du ‚Ich liebe dich‘?

 

Holly-Jane Rahlens neuer Roman Everlasting – Der Mann, der aus der Zeit fiel thematisiert genau dieses Problem.

 

Die Autorin
Die New Yorker Schriftstellerin und Schauspielerin Holly-Jane Rahlens studierte Literaturwissenschaft und Threatre Arts, wurde daraufhin mit diversen Drehbüchern, Hörspielen und Kinderbüchern wie „Mein kleines großes Leben“ bekannt. Später zog sie nach Berlin-Charlottenburg, wo sie mit ihrem Mann und Sohn lebt.

Das Buch
Das Cover des Taschenbuches selbst hätte mich nun gar nicht angesprochen, aber das liegt wohl an den Vorurteilen, die man gegen die verschrieene Farbe „Rosa“ hat. Dabei ist die Farbe gar nicht so weit hergeholt, aber das weiß man erst, wenn man das Buch gelesen hat.
Auf dem rosanen Cover ist als eine Sonnenblume zu sehen, in deren Blütenkorb sich ein Parfümflakon mit dem Unendlichkeitssymbol befindet. Darum ist kreisförmig Titel des Buches und der Name der Autorin angeordnet.
Wahrscheinlich zur besseren Haptik wurde „Everlasting“ und der Flakon erhaben aus dem Kartoncover haerausstechen gelassen.
Wie gesagt, nichts, was mich angesprochen hätte, aber schlussendlich aber doch gut gewählt.

Die Geschichte
Der junge Historiker, Paläographologe und Sprachwissenschaftler lebt in einer rundum technisierten Welt im Jahre 2264. Als Kenner der ausgestorbenen Sprache Deutsch und der Zeit vor „Dark Winter“ – ein Zeit voller Kriege und Krankheiten, die die Welt, so wie man sie kannte, veränderte – ist er ein gefragter Wissenschaftler, der zur Entschlüsselung historischer Dokumente herangezogen wird.
Als man auf dem Grunde eines Sees über 250 Jahre alte Tagebücher eines Mädchens entdeckt, bekommt er den Auftrag, sie zu lesen und ins Englische zu übertragen. Anfänglich davon angenervt, beginnt er sich immer mehr für ihr Leben, dass so verschieden zu seinem zu seien scheint, zu interessieren.
Als er für ein Virtual-Reality-Spiel als Testperson ausgesucht wird, in dem er genau diese Zeit in Deutschland untersuchen wird, ahnt er nicht, welche Tragweite all das für sein Leben haben wird.

 

Everlasting – Der Mann, der aus der Zeit fiel ist ein wundervolles Buch über die immerwährende Liebe und die Liebe zwischen zwei Menschen, die auf den ersten Blick nicht unterschiedlicher sein könnten. Besonders interessant ist Rahlens Idee, das ganze vor den Hintergrund einer utopisch gehaltenen Szenerie in Verbindung mit Zeitreisen zu setzen, denn das sorgt fast immer für Probleme.

Dabei gelingt es Rahlens außerordentlich gut, beide Zeitebenen – also die der Jahrtausendwende und 2264 – exzellent voneinander zu trennen. Wenn man bedenkt, dass zwischen den Zeiten über 250 Jahre liegen, ist es nicht verwunderlich, dass die Menschen der Zukunft einen Quellekatalog der 1990er Jahre oder die Geschäftsberichte der Deutschen Bank für kulturelle Schätze halten, oder sich fragen, was wohl „DSDS“ (eine Droge, dem LSD nicht unähnlich?) oder Barbie und Ken seien. Dabei sorgen solche Fragen, deren Antwort uns mehr als bekannt sein dürfte, nicht selten für einen Lacher, aber sie machen uns auch unsere eigenen Ansichten klar. Es ist nicht abwegig, dass „Harry Potter“ irgendwann zum Kulturgut zählen mag, so wie heutzutage jeder „Die Leiden des jungen Werther“ von Goethe kennen sollte.
Aber auch die Sprache unterscheidet sich zum Teil grundlegend, da man in der Zukunft davon ausgeht, dass Individualismus und Gefühle in einer Welt wie dieser nichts zu suchen haben. So werden beispielsweise nie Personalpronomen der 1. Person Singular gebraucht, was dazu führt, dass der Mensch sich nur als Gemeinschaftswesen wahrnimmt – aber genau dieser Redestil wird später in der Vergangenheit zu einigen, recht komischen Situationen führen.

Aber auch wenn das Buch eine wunderbare Portion an liebevoller Komik enthält, die das Lesen sehr schön gestaltet (Rahlens will ihr Buch auch nicht als düstere Dystopie verstanden wissen), finden sich auch tragische Elemente darin.
Die Figuren sind greifbar, sie freuen sich und leiden auch. Wenn sie handeln, so tun es sie es glaubhaft und Rahlens hat für jede Person eine eigene, wunderbar individuelle Figurencharakteristik, die dazu führt, dass einem die Personen schnell ans Herz wachsen.

Gelungen ist auch der Aufbau der Geschichte – quasi ein Tagebuch im Tagebuch. Finns Erzählung, die er niederschreibt, beinhaltet genau diese Tagebucheinträge des jungen Mädchens. Er kommentiert diese, schreibt seine Empfindungen und Erlebnisse nieder und gibt so der Geschichte eine wunderbare Eigendynamik. Dabei sind auch genau diese Tagebucheinträge überaus authentisch und man kann ihr dabei fast zusehen, wie sie sich vom 13-jährigen Wildfang, der alles ohne Punkt und Komma niederschreibt, was ihm in den Sinn kommt (und sei es noch so trivial), in die 20-jährige Erwachsene verwandelt.

Es ist sicherlich eher eine romantische Liebesgeschichte, als ein utopischer Roman – oder wie es auch gern heißt: eine Dystopie – aber dabei verliert er sich nicht in ausgeschweifendem Gegurre der sich Liebenden.
Im Gegenteil: die Liebe zwischen den Menschen wird als ein schönes Gefühl dargestellt, die aber auch zu Problemen führen kann oder die Schmerzen verursacht.
Dabei ist es faszinierend, Finn dabei zuzusehen, wie er sich vom „Wir“-gesteuerten Menschen zu einem fühlenden Individuum entwickelt. Wer den Film Equilibrium kennt, wird wissen, was gemeint ist.
Finn entwickelt sich, er fängt an, über sich und seine Umwelt nachzudenken. So lernt er beispielsweise mit der Hand zu schreiben oder schlussendlich auch wieder „Ich“ zu sagen.

Das Ende war glaubhaft und spannend – Rahlens hält sich hier die Option einer Fortsetzung durchaus offen. Viele Fragen, die sich nicht während der Geschichte offenbarten, wurde hier gelöst. Andere aber auch nicht, wobei das hier nicht tragisch ist, denn allein durch die Geschichte wird die Fantasie des Lesers angeregt und es machte mir Spaß, selbst darüber nachzugrübeln, wie es zum Beispiel Finn ergeht.

Das Buch ist sehr fesselnd, theoretisch kann man es in einem Happen verschlingen, denn es liest sich leicht und flüssig, man wird durch spannende und amüsante Passagen immer wieder dazu animiert, weiterzulesen; Bröckchen der Auflösung von Fragen werden dem Leser immer wieder hingeworfen und motivieren zum Selbernachdenken. Auch ist der Schreibstil sehr blumig und ausschmückend, ohne dabei aber langatmig zu werden.

Einzig die Theorie der Zeitreisen war für mich nicht durchweg glaubhaft. Es wurde sich größte Mühe gegeben, die Zeitreisen anschaulich zu erklären, auch mit Paralleluniversen und verschiedenen Zeitachsen.
Manchmal jedoch wurde sich aus der Affaire gezogen, indem Finn einfach dem Professor beim Erklären nicht zuhörte und daher in seinen Beschreibungen diese nicht wiedergeben konnte.
Für mich war nicht nachvollziehbar, wie die Reise in die Vergangenheit ohne Veränderungen der Zeit vonstatten geht, wenn doch die Zeitreise schon von vornherein bekannt gewesen ist.

Aber im Großen und Ganzen ist dieses Buch eines der schönsten und bewegendsten, die in in letzter Zeit lesen durfte. Es überzeugt durch die gelungene Geschichte und durch die liebevoll gestalteten Figuren.
Es macht einfach Spaß, es zu lesen und ich denke, es hebt sich auch etwas aus der Masse an utopischen Roman, Liebesromanen und allzu düster gezeichneten Geschichten ab.

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