»Das Geheimnis des weißen Bandes« von Anthony Horowitz

Der großartigste Detektiv der Welt betritt noch einmal die literarische Bühne – fast 80 Jahre nach dem Ableben seines geistigen Vaters Sir Arthur Conan Doyles.

Und das Geheimnis, das Sherlock Holmes im Jahre 1890 aufdeckte, war zu weitreichend und brisant, als das der als sein Biograph arbeitende Freund Dr. John Watson es wagte, darüber zu schreiben. Doch schließlich entschloss er sich doch und legte uns als sein Vermächtnis diese Geschichte um das geheimnisvolle weiße Band bei…

Von diesem Buch erstmals erfahren habe ich durch eine Leseprobe auf der bekannten Plattform von vorablesen.de und ich gestehe, ich war von Anbeginn mehr als skeptisch.
Ein Autor, der sich an diesem Stoff versucht, ja, der sogar soweit geht, eine Geschichte in diesen großartigen Kanon einzureihen?
Ein mutiger Mann, das muss gesagt sein. Aber ich las den Ausschnitt und war angenehm überrascht, denn die paar Seiten, die ich zu sehen bekam, waren sehr eng an Doyles Schreibstil angelehnt und ich beschloss das Buch zu kaufen.
Als ich letztes Wochenende bei Hugendubel vorbeischlenderte, sprang mir dieses Buch förmlich ins Auge und schon war es gekauft.

Anthony Horowitz war mir bis dato kein Begriff und nachdem ich über ihn recherchierte, muss ich sagen, dass mich diese Erkenntnis etwas beschämt, denn so kenne ich doch einige seiner Werke und schätze sie sehr.

Geboren 1956 in Großbritannien, hat sich Horowitz besonders einen Namen mit seiner Jugendbuchreihe um Alex Rider gemacht, aber auch als Drehbuchautor ist er bekannt. So schrieb er die Drehbücher zu der in den 80er Jahren erschienenen Serie „Robin of Sherwood“ und für den Kinofilm „Stormbreaker“.

Ein kurzes Schaffensportrait des Mannes, der sich selbst als langjähriger Liebhaber der Geschichten um Sherlock Holmes bekennt. Bezeichnend war für mich auch, dass Horowitz anscheinend einige Mühe auf Recherchen verwendet hat, um sich selbst ein gutes Bild der viktorianischen Zeit zu machen. Laut seiner Danksagung am Ende des Buches hat er selbst 8 Jahre an dem Buch gearbeitet – und das halte ich für beachtlich in unserer schnelllebigen Zeit, in der ein Buch oft rasch vom Verlag eingefordert wird. Ein tapferer und duldsamer Verleger…

Normalerweise verliere ich nur wenige Worte über ein neues Buch, da heutzutage, salopp gesagt, alle gleich aussehen und ich ehrlich sagen muss, dass mich das Gefühl beschleicht, Verlage geben sich in der Gestaltung ihrer Bücher keine Mühe mehr. Da wird ein simpler Papiereinband gemacht, wenn Geld da ist, noch eine Rückenprägung oder einfach der Titel daraufgedruckt und dann kommt da ein Schutzumschlag drauf, der das übliche Geplänkel und ein Stockfoto enthält. Hier aber hat man sich augenscheinlich doch mehr Mühe gegeben (und sich auch an der Einband- bzw. Covergestaltung der englischen Ausgabe orientiert) und das war auch ein Grund, dieses Buch zu kaufen.

Mir liegt jetzt ein Hardcoverband vor, dessen Einband komplett in schwarzes Mattgewebe eingeschlagen ist; das heißt, man muss, möchte man, dass der Einband ansehnlich bleibt, bei der Benutzung etwas aufpassen, denn in solchem Gewebe sind leicht Kratzspuren, Flecken und Fusseln zu sehen. Das könnte für den einen negativ sein, mich jedoch stört es nicht, da ich weiß, wie ich damit umzugehen habe.
Optisch herausgehoben hat man es hier nicht wie gewöhnlich durch irgendwelche, oft nichtssagenden Bilder, sondern einzig durch die typographische Gestaltung (wie ihr an dem Bild sehen könnt). Der starke Kontrast zwischen dem schwarzen Mattgewebe und der weißen, verschnörkelten Schrift ist sehr stark und die optische Wirkung immens. Ich finde jedenfalls, dass es im Einheitsbrei der monatlichen Neuerscheinungen mehr als heraussticht.
Auch ein Lesezeichenbändchen (juhu!) ist vorhanden (in meiner Ausgabe leider nicht mittig angebracht, aber darüber kann ich hinwegsehen) und es ist, passend zu Einbandgestaltung und zum Buchtitel, weiß.

Daher gibt es bei mir für die gelungene Einbandgestaltung ein großes Lob (an den Insel Verlag.)

Alles beginnt an einem kalten Tag im November des Jahres 1890, als ein fremder Besucher das wohlbekannte Zimmer des Detektivs Sherlock Holmes in der Baker Street 221b aufsucht, um ihn um Rat zu bitten.Dabei handelt es sich um den Kunsthändler Mr. Carstairs, der sich von einem Mitglied einer amerikanischen Bande verfolgt sieht und deshalb um sein Leben bangt. Holmes nimmt den Fall an und beginnt seine Ermittlungen aufzunehmen, den unbekannten Amerikaner ausfindig zu machen.
Aber schnell wird deutlich, dass dieser Fall nicht so einfach zu lösen ist, wie es anfänglich scheint, denn immer mehr dunkle Geheimnisse tun sich auf, durchziehen die Geschichte wie ein dünnes Spinnennetz – und so begeben sich die beiden immer tiefer in einen Sumpf aus Verschwörungen und gefährlicher Abenteuer…

„Danken möchte ich auch den Mitgliedern der Sherlock Holmes Society, die (jedenfalls bisher) außerordentlich freundlich zu mir waren und mich sehr unterstützt haben.“
So schreibt Horowitz in seiner Danksagung.
Und ich denke, seine Sorgen sind unberechtigt.

Schon auf den ersten Seiten wurde mir klar, dass hier wirklich ein Kenner der Geschichten ans Werk gegangen ist und auch mit Herz bei der Sache war.
Nach einer kurzen Einführung von Dr. Watson, in der er dem Leser erklärt, warum er mit der Veröffentlichung so lang gewartet hatte, beginnt die eigentliche Handlung – und zwar so, wie man das von den Geschichten erwartet: in der Wohnung in der Baker Street 221b und Holmes, in bester Laune, gibt dem verdutzen Doktor wieder eine kleine Kostprobe seiner Fähigkeiten.
Dabei wird auf Details ebensoviel Wert gelegt, wie das in den originalen Geschichten der Fall war.

Auch gelingt es Horowitz hier auf eindrückliche Weise, derart viele Handlungsstränge und Geheimnisse aufzuzeigen, dass man als Leser sich einfach mit auf Spurensuche begeben möchte, um des Rätsels Lösung doch vor dem Detektiv zu finden – und scheitert natürlich wie gewohnt. Ich fragte mich die ganzen Seiten über, wie diese, augenscheinlich doch recht unterschiedlich und zusammenhangslosen Fäden am Ende doch noch ein gemeinsames Ende finden werden und natürlich, was das große Geheimnis war, hinter dem Holmes und Watson hinterher waren.

Es war wie immer eine Freude, den wunderbaren Gesprächen zwischen dem Detektiv und seinem Freund oder Lestrade beizuwohnen, denn sie waren immer ergreifend, manchmal auch leicht ironisch, wenn Lestrade, völlig entsetzt, zu Holmes sagt: „Ich weiß nicht, was ich denken soll“, und Holmes darauf in seiner unverkennbaren, lakonischen Art antwortet: „Nun, das ist ja nichts Neues.“.
Ein ganz besonderes Bonbon für den Leser und Kenner der Geschichten war natürlich das Auftreten von Holmes‘ Bruder Mycroft, der es sich in dieser Erzählung aufgrund der Dringlichkeit der Ereignisse sogar nicht nehmen ließ, seinen Bruder in der Baker Street aufzusuchen.
Als sich Holmes, in eine Falle gelockt, im Gefängnis befindet, muss sich Watson selbst auf Spurensuche begeben und dem zuzuschauen, ist eine wahre Freude, denn auch hier lehnt sich Horowitz streng an die Figurencharakteristik Doyles an. Alle Figuren, die man auch aus dem Originalkanon kennt, sind äußerst leicht wieder zu identifizieren.

Besonders schön und lobenswert fand ich die grandiosen Verknüpfungen mit anderen Geschichten. So taucht mehrmals die Erzählung um die Liga der Rotschöpfe (allein wegen des Lachanfalls von Holmes und Watson eine wunderbare Geschichte), die Geschichte um die Blutbuchen und der griechische Dolmetscher auf, wodurch für den Leser eine wunderbare Verbindung zu den restlichen Geschichten geschaffen wird.

Manchmal wird auch deutlich, dass Horowitz hier seine eigenen Gefühle in Form von Watsons Gedanken einbringen lässt. So wird Lestrade, den Holmes ja immer etwas sehr abschätzig, wenngleich nie wirklich unfair, behandelt hat, hier eine tragende Rolle zuteil, da er in aller Form zu Holmes steht und sich im verpflichtet fühlt; selbst in der aussichtslosesten Lage ist er bereit, dem Detektiv zu helfen.
Aber auch ein anderer, ehemaliger Klient wird für Holmes ein rettender Anker.
Vom Schreibstil her war es eine reine Freude, das Buch zu lesen, da er, wie gesagt, auch hier eng an das Original angelehnt war; außerdem tat es mir gut, nach so vielen Büchern und Texten, die oftmals nur noch vor Grobheit strotzen, wieder einen grazilen Schreibstil zu sehen.

Oft hatte ich beim Lesen das Gefühl, ich würde ein Geschichte aus der Feder Doyles lesen (mit ein paar kleinen Durchhängern) und dieser Aspekt, dass ich vergaß, dass ich es hier mit einem neuen Buch zu tun habe, macht das Werk für mich lesenswert und auch empfehlenswert!
Es spricht sehr für Anthony Horowitz, wie ich finde.
Es gelingt ihm, die Spannung im gesamten Buch aufzurecht zu erhalten, denn selbst wenn die Dialoge in Nachhinein betrachtet manchmal recht lang erscheinen, so wird es doch niemals langweilig. Dagegen sind Verfolgungsszenen immer sehr rasant geschrieben und man kann sich bildlich vorstellen, wie diese vonstatten gingen und fiebert regelrecht mit.

Ich denke fast, manchmal muss sich der Autor beim Schreiben wie Watson gefühlt haben und das spürt man beim Lesen deutlich, da die Schilderungen, mit denen Watson besonders seine tiefe Freundschaft zu Holmes schildert, auch wenn dieser manchmal „unerträglich“ gewesen ist, sehr eindrücklich und natürlich wirken.

Durchaus wohlwollend möchte ich auch dem Übersetzer Lutz-W.Wolff nennen, da ich finde, dass er hier durchaus eine solide Arbeit gemacht hat und man das Buch neben andere gut übersetzte Sherlock-Holmes-Bücher einreihen kann.

Ein einziger kleiner Wermutstropfen für mich ist das doch recht abrupte Ende. Auch wenn es Horowitz gelingt, Holmes‘ Ausführungen und den Gedankenweg, für den der Detektiv berühmt ist, in seiner Erklärung, den er den Anwesenden gibt, so klar wie möglich zu machen, fehlen doch ein paar i-Tüpfelchen, die nicht ganz geklärt werden und von denen der Leser nur erfährt, dass Holmes sie schon lange ahnte. Da hätte er durchaus etwas ausschweifender werden können.
Auch fehlte mir ein abgerundeter Abschluss, denn die meisten Geschichten beginnen in der Baker Street, so, wie sie auch da enden – hier leider ist dem, lässt man das Nachwort außer Acht, nicht so, was ich etwas schade finde.

Aber das sind nur kleine Tropfen – im Gros, und das ist hier das wichtigste, liegt hier ein grandioses Werk vor, dass sich durchaus als respektabler Sherlock-Holmes-Roman rühmen darf. Die Geschichte ist in sich stimmig, sie ist äußerst spannend und für mich als Leser war mehr als interessant, der berühmten Spürnase und seinem Freund beim Ermitteln zuzuschauen, mitzufiebern, wenn Holmes eine spektakuläre Flucht gelingt oder wenn er schlussendlich das große Geheimnis löst.
Um auf das Anfangszitat aus Horowitz‘ Danksagung zurückzukommen: er braucht sich wahrlich keine Sorgen darum machen. Dieses Buch wird bei Fans den Originalkanons und auch bei denen, die Sherlock Holmes entweder noch nicht kannten oder erst durch diverse Verfilmungen darauf aufmerksam wurden, großen Anklang finden.
Ich selbst jedenfalls habe das Buch innerhalb von zwei Tagen durchgelesen, und das mit Freuden.
Und um ein weiteres Zitat aufzugreifen, dass bei diesem Buch für mich wirklich der Wahrheit entspricht:

Woran erkennt man ein gutes Buch? Dass Du das Gefühl hast, einen guten Freund verloren zu haben, sobald Du das Buch beendet hast.

Und das trifft hier durchaus zu – denn so habe ich gefühlt, als ich die letzte Seite umgeblättert habe.

 

Live. Love. Be. Believe.

Eure Shaakai

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